Anna Müller: „Wenn ich gut wäre, hätte ich mehr Aufträge.“

Stoischer Umgang mit Unsicherheiten im Berufsleben
Einleitung
Unsicherheit zählt zu den prägenden Bedingungen der gegenwärtigen Erwerbswelt. Sie betrifft abhängig Beschäftigte, etwa infolge von Restrukturierungen, Digitalisierung oder konjunkturellen Krisen, ebenso wie Selbstständige, deren Einkommen und Auftragslage häufig erheblichen Schwankungen unterliegen. Europäische Befunde zeigen zudem, dass insbesondere Selbstständige häufiger ungünstige Arbeitsbedingungen, eingeschränkte berufliche Perspektiven und finanzielle Belastungen erleben als abhängig Beschäftigte (Eurofound, 2024).
Berufliche Unsicherheit ist daher nicht allein individuelles Erleben, sondern zugleich Ausdruck struktureller Veränderungen der Arbeitswelt (Bröckling, 2007; Sennett, 2006, S. 48–63). Die europäische Forschung begreift Arbeitsqualität als mehrdimensionales Gefüge. Neben Einkommen und beruflichen Perspektiven sind vor allem Arbeitsintensität, zeitliche Gestaltung, soziales Umfeld und Handlungsspielräume von Bedeutung. Insbesondere wirtschaftlich abhängige Selbstständige verfügen häufig über geringere Autonomie, erhalten seltener Zugang zu betrieblicher Weiterbildung und arbeiten öfter unter Bedingungen, in denen die Anforderungen die verfügbaren Ressourcen übersteigen (Eurofound, 2024). Zugleich unterscheiden sich Autonomie, Ressourcen und soziale Absicherung zwischen den verschiedenen Gruppen Selbstständiger erheblich. Pauschale Aussagen über „die Selbstständigen“ verbieten sich daher.
Die stoische Philosophie ist zwar keine empirisch abschließend geprüfte Intervention, eröffnet jedoch einen begrifflich fundierten und praktisch anschlussfähigen Orientierungsrahmen für den Umgang mit begrenzter Kontrolle, belastenden Bewertungen und moralischer Handlungsfähigkeit.
Der vorliegende Beitrag untersucht, wie Berufstätige, insbesondere Selbstständige, stoische Prinzipien auf berufliche Unsicherheit beziehen können. Eine ausdrücklich konstruierte, praxisnahe Fallsituation veranschaulicht deren mögliche Anwendung im beruflichen Alltag. Antike Quellen und philosophiehistorische Forschung werden dabei mit ausgewählten aktuellen europäischen Befunden zu Arbeit, psychischer Gesundheit und Selbstständigkeit in Beziehung gesetzt (Brown et al., 2022; Dawson, 2025; MacLellan & Derakshan, 2021).

Theoretische Grundlagen: Stoische Prinzipien als philosophische Ressourcen für Resilienz
Die Dichotomie der Kontrolle als Fundament
Den Ausgangspunkt der praktischen Ethik Epiktets bildet die Unterscheidung zwischen dem, was „bei uns“ beziehungsweise von uns abhängig ist (eph’ hēmin), und dem, was sich unserem Einfluss entzieht. Zu Beginn des Enchiridions zählt Epiktet Urteile, Impulse, Begehren und Abneigungen zum eigenen Verantwortungsbereich. Körper, Besitz, Ansehen und Ämter rechnet er diesem hingegen nicht zu (Epiktet, ca. 108 n. Chr./2014, Abschn. 1). Diese Differenzierung ist genauer als die verbreitete Formel vollständiger Kontrolle. Auch das eigene Handeln vollzieht sich unter Bedingungen und vermag einen gewünschten Erfolg nicht zu garantieren. Aus stoischer Sicht ist vielmehr entscheidend, worauf Zustimmung, Absicht und vernünftige Wahl gerichtet sind.
Für Berufstätige, insbesondere für Selbstständige, folgt daraus keine schematische Teilung in vollständig kontrollierbare und gänzlich unkontrollierbare Sachverhalte. Marktentwicklungen, Entscheidungen von Auftraggebenden und das Auftragsvolumen entziehen sich unmittelbarer Verfügung. Vorbereitung, Sorgfalt, Kommunikation und strategische Entscheidungen gehören dagegen eher zum eigenen Verantwortungsbereich. Stoische Praxis richtet die Aufmerksamkeit folglich auf begründete Urteile und angemessenes Handeln, ohne äußere Ergebnisse für belanglos zu erklären oder Erfolg zu verheißen (Hadot, 1992; Sellars, 2006).
Hadot (1992, S. 217–221) deutet diese Praxis als Konzentration auf die moralische Qualität der eigenen Urteile und Handlungen. „Indifferent“ heißt im stoischen Fachgebrauch jedoch weder gleichgültig noch wertlos. Gesundheit, finanzielle Sicherheit, berufliche Anerkennung und tragfähige Beziehungen können als „bevorzugte Indifferente“ vernünftigerweise erstrebt werden. Sie gelten lediglich nicht als hinreichende oder notwendige Bedingungen moralischen Gelingens (Sellars, 2006, S. 99–103).
Die Stoa verlagert den Maßstab eines gelungenen Lebens somit von wechselhaften äußeren Ergebnissen auf tugendgemäßes Handeln. Das bedeutet nicht, dass Einkommen, Position oder Auftragsvolumen für die Lebensführung unerheblich wären. Sie bleiben legitime Gegenstände vernünftiger Planung. Philosophisch betrachtet besitzen sie jedoch keinen absoluten Wert und bestimmen nicht allein, ob eine Person gut handelt oder ein gutes Leben führt (Sellars, 2006, S. 92–103).

Amor Fati: Die Bejahung der Wirklichkeit
Über bloße Akzeptanz hinaus kennt die stoische Tradition Formen einer bejahenden Zustimmung zur Wirklichkeit. Der Ausdruck „amor fati“ entstammt allerdings nicht der antiken Stoa, sondern wurde von Nietzsche geprägt (Nietzsche, 1882/1988, S. 521). Er bezeichnet eine Haltung, die das Notwendige nicht nur erträgt, sondern bejahend in die eigene Lebensführung einbezieht. Für die hier entwickelte Anwendung lässt sich daraus mit der gebotenen Zurückhaltung folgern: Eine Phase beruflicher Unsicherheit ist weder zwangsläufig Ausdruck persönlichen Versagens noch lediglich „Unglück“. Sie ist zunächst eine gegebene Lage, auf die überlegt und tätig reagiert werden kann.
Mark Aurel, der unter politisch und militärisch instabilen Bedingungen regierte, formuliert in den Selbstbetrachtungen eine Haltung, die das Widerfahrende in einen größeren Zusammenhang einordnet (Mark Aurel, ca. 170 n. Chr./2008, Buch 2, Abschn. 3). Die stoische Grundhaltung zielt somit nicht darauf, die Realität zu beschönigen, sondern darauf, sie anzuerkennen und die eigene Antwort an vernünftigen und moralischen Maßstäben auszurichten. Foucault (1984) greift stoische Praktiken im Rahmen seiner historischen Analyse der Selbstsorge auf und beschreibt sie als Techniken, durch die Menschen ihr Verhältnis zu sich selbst, zu ihren Gedanken und zu ihrem Handeln gestalten.

Praemeditatio Malorum: Die Vorwegnahme des Schlimmsten
Eine bekannte stoische Übung ist die „praemeditatio malorum“, die gedankliche Vorwegnahme möglicher Widrigkeiten. Seneca empfiehlt, vorhersehbare Belastungen nüchtern zu betrachten, um ihnen vorbereitet zu begegnen (Seneca, ca. 65 n. Chr./2020, Brief 13). Dabei geht es nicht um Pessimismus als Selbstzweck, sondern um die Prüfung, welche Folgen realistisch eintreten könnten und welche Antworten darauf verfügbar wären. Wissenschaftlich ist zwischen philosophischer Plausibilität, individueller Erfahrung und empirisch nachgewiesener Wirksamkeit zu unterscheiden.
Gill (2013) ordnet solche Übungen als Bestandteil stoischer Selbstprüfung und Affektregulation ein. Sorabji (2000, S. 149–153) arbeitet zudem historische Berührungspunkte zwischen stoischen Bewertungslehren und späteren kognitiven Therapieansätzen heraus. Dies rechtfertigt jedoch keine Gleichsetzung antiker Philosophie mit heutiger Psychotherapie.
Erste europäische Interventionsstudien liefern vorsichtige Hinweise auf mögliche psychologische Effekte. In einer britischen Studie wurden 45 Personen mit ausgeprägter Sorgenneigung zufällig drei Trainingsbedingungen zugeteilt. Nach acht Einheiten zeigte sich in den beiden Gruppen mit stoischen Übungen eine Verringerung des Grübelns. In der ausschließlich stoisch trainierten Gruppe nahm zusätzlich die Selbstwirksamkeit zu. Wegen der kleinen Stichprobe, der kurzen Trainingsdauer und fehlender längerfristiger Verlaufsdaten sind diese Ergebnisse als vorläufig zu bewerten (MacLellan & Derakshan, 2021). Eine weitere britische Mixed-Methods-Studie untersuchte ein zwölftägiges, stoisch informiertes Onlineprogramm bei 24 Medizinstudierenden. Quantitativ stiegen stoische Einstellungen, Resilienz und Empathie. Qualitative Interviews deuteten darauf hin, dass insbesondere negative Visualisierung die emotionale und praktische Vorbereitung sowie das planende Handeln unterstützen kann. Auch hier begrenzen die kleine, berufsspezifische Stichprobe und das Fehlen einer Kontrollgruppe die Verallgemeinerbarkeit (Brown et al., 2022). Ergänzend zeigt eine von einem deutschen Forschungsteam durchgeführte systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse zu mobilen Interventionen mit kognitiver Neubewertung über 30 randomisierte Studien und 3.904 Teilnehmende hinweg einen kleinen bis mittleren Vorteil für die psychische Gesundheit. Die Befunde waren jedoch heterogen, das Verzerrungsrisiko vielfach hoch, und die Neubewertung war meist nur ein Bestandteil komplexerer Programme. Deshalb lässt sich daraus keine spezifische Wirksamkeit stoischer Übungen ableiten (Schäfer et al., 2023). Eine italienische neurowissenschaftliche Metaanalyse unterstreicht zudem, dass Neubewertung und akzeptanzbasierte Regulation teilweise gemeinsame, teilweise unterschiedliche neuronale Prozesse nutzen. Dies spricht gegen die Annahme, sämtliche regulativen Übungen wirkten über einen einheitlichen Mechanismus (Monachesi et al., 2023).
Insgesamt stützen diese europäischen Befunde die Annahme, dass gedankliche Vorbereitung, kognitive Neubewertung und Akzeptanz als trainierbare psychische Ressourcen verstanden werden können. Sie belegen jedoch weder eine eigenständige therapeutische Wirksamkeit der „praemeditatio malorum“ noch eine Gleichwertigkeit stoischer Praxis mit wissenschaftlich fundierten psychotherapeutischen Verfahren.

Trennung von Ereignis und Urteil
Damit eng verbunden ist die stoische These, dass emotionale Belastung wesentlich durch Bewertungen von Ereignissen mitgeprägt wird. Epiktet formuliert: „Die Menschen werden nicht von den Dingen beunruhigt, sondern von den Meinungen über die Dinge“ (Epiktet, ca. 108 n. Chr./2014, Abschn. 5). Eine unsichere Berufssituation ist zunächst eine äußere Lage. Ihre subjektive Bedeutung entsteht zusätzlich durch Deutungen wie „Das darf nicht sein“ oder „Ich bin gescheitert“. Diese Unterscheidung ist jedoch nicht so zu verstehen, als seien materielle Risiken bloß gedankliche Konstruktionen. Einkommensausfälle, Schulden oder fehlende soziale Sicherung bleiben reale Belastungen.
Foucault (1984) interpretiert stoische Übungen als historische Praktiken der Selbstsorge. Der damit bezeichnete Spielraum bedeutet jedoch nicht, Gefühle zu unterdrücken oder äußere Bedingungen für belanglos zu erklären. Stoische Affekttheorie untersucht vielmehr, wie Eindrücke durch die Zustimmung zu Urteilen zu Leidenschaften werden und wie sich solche Urteile prüfen lassen (Gill, 2013; Sorabji, 2000). Moderne Forschung bestätigt die Bedeutung dieser begrifflichen Unterscheidung. Eine alltagssprachlich „stoische“ Haltung des Schweigens und der verminderten Gefühlsäußerung ist nicht mit philosophischem Stoizismus gleichzusetzen und kann mit geringerem Wohlbefinden zusammenhängen (Karl et al., 2022).
Dass berufliche Unsicherheit nicht allein eine Frage subjektiver Bewertung ist, verdeutlicht auch eine spanische Längsschnittstudie. 543 Beschäftigte wurden nach einem Jahr erneut befragt. Insbesondere die gedankliche Erwartung eines möglichen Arbeitsplatzverlusts sagte ein erhöhtes Risiko für eine Verschlechterung der psychischen und allgemeinen Gesundheit voraus. Andere Formen der Unsicherheit wiesen im Zeitverlauf keine statistisch signifikanten Zusammenhänge auf (Salas-Nicás et al., 2024).
Der Befund hebt zwei Aspekte hervor:
Bedrohungsbewertungen sind gesundheitlich bedeutsam.
Zugleich müssen die einzelnen Dimensionen beruflicher Unsicherheit analytisch voneinander unterschieden werden.

Tugend als einziger Maßstab des Selbstwerts
Da äußere Erfolge wie Gehalt, Position oder Auftragsvolumen nicht das höchste Gut sind, rückt die Stoa die Tugend an die oberste Stelle. Weisheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Besonnenheit bestimmen die moralische Qualität des Handelns. Die These, Tugend sei das einzige Gut, besagt nicht, dass Armut, Krankheit oder berufliches Scheitern wünschenswert wären. Sie besagt, dass äußere Güter allein weder moralische Vortrefflichkeit noch ein gelungenes Leben garantieren (Sellars, 2006, S. 92–103; Seneca, ca. 65 n. Chr./2020, Brief 71).
Für die Gegenwart ergibt sich daraus eine vorsichtige Orientierung. Berufliche Leistung kann anhand von Sorgfalt, Fairness, fachlicher Qualität und verantwortlichem Umgang mit anderen beurteilt werden, ohne den Umsatz zum alleinigen Maß persönlicher Würde zu machen. Allerdings wäre die Rede von einem völlig unzerstörbaren „inneren Maßstab“ zu stark. Menschen bleiben verletzlich und auf materielle Sicherheit, Beziehungen und institutionelle Unterstützung angewiesen. Stoische Praxis zielt deshalb eher auf begründete Urteilskraft und ethische Handlungsfähigkeit als auf psychische Unverwundbarkeit.
Damit sind die wesentlichen Elemente einer stoischen Haltung im Berufsleben umrissen: die Unterscheidung zwischen Beeinflussbarem und Unverfügbarem, die bejahende Annahme der Wirklichkeit, die gedankliche Vorbereitung auf mögliche Widrigkeiten, die kritische Prüfung eigener Urteile sowie die Orientierung an Tugend statt an äußeren Erfolgsmaßstäben.
Entscheidend bleibt, dass diese Prinzipien nicht abstrakt bleiben. Ihre eigentliche Bedeutung zeigt sich erst dort, wo sie auf konkrete berufliche Situationen treffen: auf Unsicherheit, Druck, finanzielle Schwankungen und Selbstzweifel.
Die folgende Fallsituation veranschaulicht daher, wie stoisches Denken im Alltag einer selbstständigen Berufstätigen praktisch wirksam werden kann.

Fallsituation: Selbstständigkeit zwischen Fülle und Flaute. Ein stoischer Weg durch die Unsicherheit
Die Ausgangslage: Wechselhafte Auftragslage als Dauerzustand
Die 42-jährige Anna Müller arbeitet seit fünf Jahren als freiberufliche Organisationsberaterin. Ihre Geschäftslage schwankt erheblich: In manchen Monaten schließt sie Verträge im Umfang von 20.000 € ab, in anderen ringt sie darum, die Fixkosten ihres Büros in Berlin-Mitte zu decken. Diese Unbeständigkeit belastet sie nicht nur finanziell, sondern vor allem psychisch. „Ich fühle mich wie auf einer Achterbahn“, beschreibt sie ihre Lage. „Einmal bin ich euphorisch, weil ich drei neue Projekte habe, und zwei Wochen später sitze ich da und frage mich, ob ich im nächsten Monat die Miete zahlen kann.“
Schwankende Auftrags- und Einkommensverhältnisse können in der Selbstständigkeit strukturell begünstigt sein, unterscheiden sich jedoch erheblich nach Branche, Geschäftsmodell, wirtschaftlicher Abhängigkeit und sozialer Absicherung. Bröckling (2007) beschreibt die Subjektivierungsanforderungen moderner Arbeitswelten, in denen Individuen sich fortwährend als unternehmerisch handelnde Subjekte entwerfen sollen. Aktuelle europäische Forschung ergänzt, dass insbesondere wirtschaftlich abhängige Selbstständige häufiger über unzureichende Ressourcen, finanzielle Schwierigkeiten und gesundheitliche Belastungen berichten. Systematische Übersichten zeichnen zugleich ein uneinheitliches Bild psychischer Risiken (Eurofound, 2024; Willeke et al., 2021). Für Anna folgt daraus, ihre Unsicherheit sowohl als äußere Rahmenbedingung als auch als innere Herausforderung zu bearbeiten.
Diese Heterogenität zeigt sich ebenfalls im Bereich der psychischen Gesundheit. Eine deutsche systematische Übersichtsarbeit wertete 26 populationsbezogene Studien mit insgesamt mehr als 3,1 Millionen Teilnehmenden aus. Sie fand Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Selbstständigkeit und erhöhten psychischen Risiken, zugleich jedoch widersprüchliche Ergebnisse zwischen Ländern, Berufsgruppen und Vergleichsgruppen. Die Autorinnen und Autoren plädieren daher für weitere Längsschnittstudien, die unterschiedliche Formen der Selbstständigkeit getrennt untersuchen (Willeke et al., 2021). Für die Fallsituation folgt daraus, dass Annas Belastung weder ausschließlich individualisiert noch als zwangsläufige Folge jeglicher Selbstständigkeit verstanden werden darf.
Ergänzend weist eine europäische Literaturübersicht zu psychosozialen Risiken darauf hin, dass Arbeitsplatzunsicherheit nicht isoliert wirkt, sondern mit geringer Kontrolle, hoher Arbeitsintensität, unzureichender sozialer Unterstützung und sozioökonomischer Verletzlichkeit zusammenwirken kann. Digitalisierung und pandemiebedingte Veränderungen werden dabei als zusätzliche strukturelle Faktoren berücksichtigt (European Agency for Safety and Health at Work [EU-OSHA], 2023). Eine stoische Perspektive sollte diese Bedingungen daher nicht psychologisieren, sondern individuelle Urteilspraxis und strukturelle Prävention zusammendenken.

Die stoische Analyse: Was liegt in Annas Macht?
Annas erste Reaktion auf eine schwache Auftragslage ist oft ein Gefühl der Ohnmacht. „Ich kann doch nichts dafür, wenn die Kunden nicht zahlen oder Aufträge stornieren!“, denkt sie. Genau hier setzt jedoch die stoische Dichotomie der Kontrolle an. Epiktet (ca. 108 n. Chr./2014, Abschn. 1) würde ihr raten, klar zu unterscheiden: Was liegt in ihrer Macht, und was nicht?
Nicht in ihrer Macht: die Entscheidung eines Kunden, einen Auftrag zu stornieren, die konjunkturelle Entwicklung und die Wettbewerbslage.
In ihrer Macht: ihre Reaktion auf die Stornierung, die Qualität ihrer Arbeit, ihre Akquisestrategie und ihre finanzielle Vorsorge.
Hadot (1992) betont, dass diese Unterscheidung nicht zur Resignation, sondern zu innerer Freiheit führen soll. Anna kann nicht bestimmen, ob ein Kunde einen Vertrag unterzeichnet. Sie kann jedoch beeinflussen, wie sie auf eine Absage antwortet: mit Wut und Verzweiflung oder mit Besonnenheit und der Frage, welche Einsicht und welche nächsten Schritte sich aus der Situation gewinnen lassen.
Amor Fati: Die Flaute als Chance begreifen
In den ersten beiden Jahren ihrer Selbstständigkeit empfand Anna eine schwache Auftragslage vor allem als Bedrohung. Sie interpretierte sie als Zeichen ihres Scheiterns: „Wenn ich gut wäre, hätte ich mehr Aufträge.“ Diese Haltung verstärkte jedoch ihren Stress und ihre Selbstzweifel. Durch die Auseinandersetzung mit der stoischen Philosophie veränderte sie allmählich ihre Perspektive.
Mark Aurel (ca. 170 n. Chr./2008) schrieb: „Was dem Menschen widerfährt, trägt der Weltenlauf, der ihn hervorgebracht hat, auch aus“ (Buch 5, Abschn. 8). Für Anna bedeutet das: Eine Flaute ist kein persönliches Versagen, sondern eine Tatsache, die sie annehmen und zum Anlass nehmen kann, sich auf die tatsächlich beeinflussbaren Aspekte zu konzentrieren. In den letzten Monaten hat sie gelernt, Phasen mit wenigen Aufträgen als Gelegenheiten zu begreifen:
Portfolioarbeit: Sie überarbeitet ihre Website, aktualisiert ihre Referenzen und entwickelt neue Workshop-Konzepte.
Fort- und Weiterbildung sowie Selbststudium: Sie nutzt die Zeit, um Zertifizierungen in neuen Methoden zu erwerben, die ihr Dienstleistungsangebot erweitern. Darüber hinaus liest sie Fachliteratur und tauscht sich mit Kolleginnen, Kollegen sowie Fachleuten aus.
Netzwerkpflege: Sie kontaktiert ehemalige Kunden, um Beziehungen zu reaktivieren, und nimmt an Branchenveranstaltungen teil.
Strategische Reflexion: Sie analysiert ihre bisherigen Projekte und fragt, welche besonders erfolgreich waren, welche weniger erfolgreich verliefen und welche Schlussfolgerungen sie daraus für die Zukunft ziehen kann.
Diese Haltung lässt sich mit Nietzsches (1882/1988) Begriff des amor fati beschreiben, darf begriffsgeschichtlich jedoch nicht als genuin stoischer Terminus ausgegeben werden. Anna deutet die Flaute nun nicht mehr ausschließlich als Sackgasse, sondern zugleich als mögliche Phase strategischer Neuorientierung. Ob eine solche Deutung im Einzelfall trägt, hängt allerdings wesentlich von den materiellen Rahmenbedingungen und den verfügbaren Ressourcen ab.

Praemeditatio Malorum: Der Notfallplan als Sicherheitsnetz
Ein zentraler Entwicklungsschritt Annas ist in dieser konstruierten Fallsituation die Erstellung eines schriftlichen Notfallplans. In Anlehnung an Senecas (ca. 65 n. Chr./2020, Brief 13) Empfehlung, mögliche Widrigkeiten vorwegzunehmen, prüft sie systematisch, welche Belastungen eintreten könnten und welche Handlungsmöglichkeiten ihr in diesem Fall offen stünden.
Ihr Plan sieht wie folgt aus:
Finanzielle Rücklagen: Sie hat berechnet, dass ihre Fixkosten (Miete, Versicherungen und Lebenshaltungskosten) bei 3.500 € pro Monat liegen. Ihre Rücklagen von 20.000 € reichen damit für knapp sechs Monate ohne Einnahmen. Sollte die Flaute länger anhalten, könnte sie:
Kosten reduzieren: Sie könnte ihr Büro aufgeben und von zu Hause aus arbeiten, was ihr 800 € pro Monat sparen würde.
Alternative Einnahmequellen aktivieren: Sie hat Kontakte zu mehreren Zeitarbeitsfirmen, über die sie kurzfristig Projekte annehmen könnte.
Staatliche Unterstützung prüfen: Sie hat sich über Förderprogramme für Selbstständige informiert, die im Notfall in Anspruch genommen werden könnten.
Psychologische Vorbereitung: Anna hat erkannt, dass eine längere Flaute nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine emotionale Herausforderung wäre. Sie hat sich vorgenommen, in solchen Phasen besonders auf ihre stoischen Übungen zu achten, darunter die Morgenreflexion, die abendliche Rückschau und die kognitive Reformulierung.
Der Plan vermittelt Anna ein größeres Maß an subjektiver Sicherheit, weil er unbestimmte Befürchtungen in überschaubare Szenarien und konkrete Handlungsschritte überführt. Sorabji (2000, S. 149–153) deutet die stoische Vorwegnahme als kognitive Praxis, die Bewertungen verändern und dadurch emotionale Reaktionen beeinflussen kann. Diese philosophische Deutung ersetzt jedoch weder eine fachkundige Finanzberatung noch, bei erheblicher psychischer Belastung, professionelle psychologische oder medizinische Unterstützung.
Trennung von Ereignis und Urteil: Die Macht der Sprache
Ein weiterer wichtiger Schritt bestand für Anna in der bewussten Trennung von Ereignis und Urteil. Früher dachte sie oft: „Die Auftragslage ist katastrophal und ich bin am Ende.“ Solche Gedanken verstärkten ihre Angst. Durch die stoische Praxis lernte sie, zwischen der objektiven Feststellung und ihrer Bewertung zu unterscheiden.
Objektive Feststellung: „Im Moment liegen weniger Aufträge vor als im Vorjahreszeitraum.“
Bewertung: „Das ist eine Herausforderung, aber keine Katastrophe. Ich kann etwas dagegen tun.“
Diese kognitive Reformulierung entspricht dem, was Epiktet als zentrale stoische Übung beschreibt: „Die Menschen werden nicht von den Dingen beunruhigt, sondern von den Meinungen über die Dinge“ (Epiktet, ca. 108 n. Chr./2014, Abschn. 5). Anna lernt, dass ihre Gedanken über die Situation deren Belastungswirkung verstärken können. Indem sie ihre Bewertungen prüft und verändert, kann sie auch ihre emotionale Reaktion beeinflussen.
Tugend als Maßstab: Selbstwert und Umsatz entkoppeln
Die größte Herausforderung für Anna bestand darin, ihren Selbstwert von ihrem Umsatz zu entkoppeln. In den ersten Jahren ihrer Selbstständigkeit definierte sie sich stark über ihre finanziellen Erfolge. Ein hoher Umsatz bedeutete für sie: „Ich bin gut. Ich bin erfolgreich.“ Ein niedriger Umsatz hingegen: „Ich bin eine Versagerin.“
Diese Haltung machte sie jedoch von äußeren Faktoren abhängig, die sie nicht kontrollieren konnte. Mithilfe der stoischen Philosophie legte sie für die Beurteilung ihres Selbstwerts zunehmend andere Maßstäbe an:
Qualität ihrer Arbeit: Habe ich heute mein Bestes gegeben? Habe ich meine Kunden ehrlich und professionell beraten?
Integrität: Habe ich meine Werte gelebt, auch wenn es nicht immer einfach war?
Lernbereitschaft: Habe ich in dieser Flaute etwas Neues gelernt, das mich langfristig stärker macht?
Sellars (2006) hebt hervor, dass die Stoiker die Tugend als das einzige wahrhaft Gute verstanden. Für Anna bedeutet dies, dass sich ihr Wert als Mensch und Berufstätige nicht an ihrem Kontostand, sondern an der Qualität ihres Handelns bemisst. Diese Neuorientierung unterstützt sie dabei, den Schwankungen ihrer Selbstständigkeit mit größerer Gelassenheit zu begegnen.

Der stoische Alltag: Praktische Übungen im Berufsleben
Anna hat die stoischen Prinzipien nicht nur theoretisch aufgenommen, sondern auch in konkrete Routinen übersetzt, die sie täglich anwendet:
Morgenreflexion: Anna vergegenwärtigt sich mögliche Herausforderungen und richtet ihre Aufmerksamkeit auf Urteil, Absicht und Handlung.
Abendliche Selbstprüfung: Sie fragt, wo sie besonnen, gerecht, mutig und maßvoll gehandelt hat und wo Korrektur nötig ist.
Prüfung von Eindrücken: Bei katastrophisierenden Gedanken hält sie inne, trennt Beobachtung von Bewertung und prüft, ob ihre Schlussfolgerung sachlich und handlungsleitend ist.
Vorausschauende Planung: Sie aktualisiert regelmäßig ihren Notfallplan. Diese Praxis verbindet stoische Vorbereitung mit moderner finanzieller Vorsorge, ohne beides gleichzusetzen.
Soziale und berufliche Verantwortung: Sie nutzt ihre freie Zeit für Weiterbildung, Selbststudium, Netzwerkpflege und verlässliche Beziehungen. Damit wird sichtbar, dass stoische Ethik nicht nur Selbstbeherrschung, sondern auch Gerechtigkeit und Verpflichtungen gegenüber anderen umfasst.
Die Wirkung: Gelassenheit statt Ohnmacht
Im Verlauf der konstruierten Fallsituation wandelt sich Annas Haltung zur Unsicherheit. Diese Entwicklung ist als philosophisch informierte Möglichkeit und nicht als empirisch nachgewiesene Wirkung zu verstehen. Eine britische randomisierte Wartelistenstudie untersuchte ein zweiwöchiges stoisches Onlinetraining im Hinblick auf Grübeln, erlebnisbezogene Vermeidung, Depression und Angst (King, 2025). Daneben wurde 2025 mit der Stoic Attitudes and Behaviours Scale erstmals ein Instrument validiert, das philosophischen Stoizismus ausdrücklich von alltagssprachlicher Emotionsunterdrückung unterscheidet. Höhere Werte waren korrelativ mit Flourishing, Resilienz und positiver Affektbalance verbunden (LeBon et al., 2025). Diese Befunde sind relevant, erlauben jedoch noch keine allgemeine Aussage über eine therapeutische Wirksamkeit.

Auf Annas Fallsituation bezogen bezeichnet Hadots (1992) Metapher der „inneren Zitadelle“ keinen Rückzug aus der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Weder ausbleibende Aufträge noch Stornierungen, steigende Kosten oder die Entscheidungen ihrer Auftraggebenden unterliegen ihrer Kontrolle. Sie kann jedoch prüfen, welche Urteile sie mit diesen Ereignissen verbindet, wie sie ihren Notfallplan fortschreibt, welche Ausgaben sie priorisiert und mit welcher Sorgfalt sie Akquise, Weiterbildung und Kundenbeziehungen gestaltet. Die „innere Zitadelle“ ist für Anna daher weder ein abgeschotteter Zufluchtsort noch ein Versprechen psychischer Unverletzlichkeit. Eine länger anhaltende Flaute kann sie weiterhin finanziell und emotional belasten und ihren Handlungsspielraum objektiv verengen.
Der stoische Anspruch besteht vielmehr darin, diese Belastung nüchtern anzuerkennen, ohne sie vorschnell als Beleg persönlichen Versagens zu deuten, und die verbleibenden Handlungsmöglichkeiten mit Vernunft, Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein zu nutzen.
Fazit: Stoische Resilienz im Berufsleben
Unsicherheit gehört weithin zur gegenwärtigen Erwerbsarbeit, sowohl in abhängiger Beschäftigung als auch in der Selbstständigkeit. Die Stoa bietet zwar keine Methode, diese Unsicherheit zu beseitigen, stellt jedoch einen umfassenden ethischen Rahmen bereit, in dem vernünftiges Urteil, tugendgemäßes Handeln und soziale Verantwortung zentral sind. Die Unterscheidung zwischen dem von uns Abhängigen und dem nicht von uns Abhängigen, die Prüfung von Eindrücken, die Vorbereitung auf Widrigkeiten und die Orientierung an Tugend können als praktische Reflexionshilfen dienen. Dabei gilt es, Akzeptanz von Passivität ebenso zu unterscheiden wie philosophischen Stoizismus von alltagssprachlicher Gefühlsunterdrückung. Aktuelle Forschung zeigt, dass diese Differenzierung empirisch bedeutsam ist. Eine missverstandene „stoische“ Ideologie kann mit geringerem Wohlbefinden verbunden sein. Philosophisch präziser erfasste stoische Einstellungen zeigen dagegen positive Zusammenhänge mit Wohlbefinden und Resilienz, sofern sie angewendet und eingeübt werden (Karl et al., 2022; LeBon et al., 2025).
Die Fallsituation von Anna Müller zeigt, wie sich diese Prinzipien anwenden lassen. Dazu gehören die Unterscheidung zwischen dem eigenen Verantwortungsbereich und äußeren Ergebnissen, realistische Vorsorge, die Prüfung von Bewertungen und die Entkopplung persönlicher Würde von wechselhaften Erfolgsindikatoren. Stoische Praxis kann somit eine reflektierte Handlungsorientierung fördern. Sie garantiert jedoch weder Gelassenheit noch wirtschaftlichen Erfolg und ersetzt keine strukturelle, finanzielle oder therapeutische Unterstützung.
Die europäische Evidenz legt damit eine doppelte Perspektive nahe:
Einerseits können reflektierte Bewertungs- und Handlungsmuster dazu beitragen, mit Unsicherheit konstruktiver umzugehen.
Andererseits entstehen psychische Belastungen nicht ausschließlich im Individuum, sondern auch aus Arbeitsorganisation, Beschäftigungsstatus, sozialer Sicherung und materiellen Ressourcen. Eine aktuelle systematische Übersicht von Kohortenstudien beschreibt den Zusammenhang zwischen Beschäftigungsstatus und psychischer Gesundheit zudem als wechselseitig. Instabile oder fehlende Beschäftigung kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen, während psychische Belastungen ihrerseits das Finden und Halten von Arbeit erschweren können (Bruggeman et al., 2024).
Stoische Praxis ist deshalb am überzeugendsten, wenn sie persönliche Handlungsfähigkeit stärkt, ohne institutionelle Verantwortung auszublenden.
Hadots (1992) Bild der inneren Zitadelle verdichtet diese Haltung: nicht als abgeschotteten Zufluchtsort, sondern als Übungsraum vernünftiger und verantwortlicher Selbstführung, von dem aus sich berufliche Herausforderungen nüchtern, solidarisch und entschlossen bearbeitet werden können.
Düsseldorf, 19.09.2026
Karsten Hartdegen M.A.
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