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Wer ist Clara?

karstenhartdegen
vor 6 Stunden
7 Min. Lesezeit

Zehn Blicke – zehn Urteile

 

Vorwort

In jedem Arbeitsumfeld gibt es Menschen, die mehr sind als die Summe ihrer Aufgaben. Sie tragen Erwartungen, Hoffnungen und Projektionen, die sich wie Schichten über ihre eigentliche Gestalt legen.

Clara ist eine solche Figur. Sie bewegt sich mit einer stillen Selbstverständlichkeit durch den Büroalltag, und doch wird sie von allen gesehen, beurteilt und eingeordnet. Jeder Blick auf sie ist ein Versuch, Ordnung in die eigene Welt zu bringen. Zugleich trägt Clara verschiedene Rollen-Identitäten: Sie ist Stütze, Helferin, Organisatorin, Vertraute, Grenzwächterin oder Lehrende, ohne in einer dieser Rollen vollständig aufzugehen. Manche dieser Identitäten werden in einer bestimmten Situation gebraucht und sind dort sinnvoll, während sie in einer anderen Rolle störend, überflüssig oder missverständlich erscheinen.

Der Stoizismus erinnert daran, zwischen dem zu unterscheiden, was in unserer Macht steht, und dem, was außerhalb unserer Verfügung liegt. Fremde Urteile gehören nicht zu dem, was ein Mensch beherrschen kann; wohl aber die Haltung, mit der er ihnen begegnet. Clara wird dadurch nicht zur Summe der Stimmen, die über sie sprechen, sondern zu einer Figur, die ihre innere Würde gerade darin bewahrt, dass sie sich nicht vollständig von außen bestimmen lässt. Dieser Gedanke bildet den Kern des folgenden Artikels, der Clara nicht als feste Gestalt beschreibt, sondern als Spiegel, in dem sich Wahrnehmungen, Erwartungen und Rollenbilder anderer brechen.

 

Clara – zehn Blicke, zehn Urteile

 

1. Der CEO

Der CEO sieht in Clara die tragende Säule des Unternehmens. In seinen Augen hält sie den Betrieb zusammen, weil sie zuverlässig, diskret und unersetzlich arbeitet.

Sobald jedoch Veränderung notwendig wird, verwandelt sich dieselbe Stärke in ein Hindernis. Dann erscheint sie ihm als jemand, der an alten Strukturen festhält und den Fortschritt verlangsamt. Ihre Rollen-Identität als bewahrende Stütze wird in diesem Moment gebraucht, solange Stabilität gefragt ist; sie wird jedoch fragwürdig, sobald dieselbe Rolle Beweglichkeit ersetzen soll. Diese Verschiebung zeigt, wie sehr Urteile von Erwartungen abhängen und wie wenig sie über die Person selbst aussagen.

 


2. Die Praktikantin

Die Praktikantin erlebt Clara als eine Art Mutterfigur. Clara gibt ihr Sicherheit, erklärt geduldig und führt sie durch die Unsicherheiten des neuen Umfelds.

Wenn diese Fürsorge jedoch zu intensiv wird, fühlt sich die junge Frau bevormundet und eingeengt. Claras Rolle als mütterliche Begleiterin ist am Anfang notwendig, verliert aber ihren Sinn, sobald Selbstständigkeit entstehen soll. Die Wahrnehmung verändert sich, sobald das Bedürfnis nach Eigenständigkeit stärker wird. So zeigt sich, dass dieselbe Handlung je nach innerem Zustand des Betrachtenden als Hilfe oder als Einschränkung erscheint.

 

3. Der Chemiker

Für den Chemiker ist Clara die Organisatorin, die Struktur schafft und das Chaos fernhält. Ihre Präzision und Gewissenhaftigkeit sind für ihn unverzichtbar.

Sobald Regeln jedoch den Arbeitsfluss verlangsamen, verwandelt sich dieselbe Struktur in Pedanterie. Die Ordnung, die ihm zuvor half, erscheint ihm plötzlich als Hindernis. Claras Rollen-Identität als ordnende Kraft ist also nicht falsch; sie gehört jedoch an den Ort, an dem Ordnung gebraucht wird. Außerhalb dieses Ortes kann sie als Starrheit missverstanden werden. Diese Wandlung verdeutlicht, dass jede Tugend, wenn sie überdehnt wird, zur Schwäche werden kann.

 


4. Die Reinigungsfachkraft

Die Reinigungsfachkraft erlebt Clara als die einzige Person, die sie wirklich sieht. Clara begegnet ihr aufmerksam, warmherzig und gleichwertig. In dieser Begegnung ist Claras Rollen-Identität die der Anerkennenden: Sie gibt Würde, wo andere nur Funktion sehen. Andere misstrauen dieser Wärme und halten sie für Heuchelei. Was für die einen echte Menschlichkeit ist, erscheint den anderen als aufgesetzte Freundlichkeit. Die Reaktion auf dieselbe Geste hängt nicht von Clara ab, sondern von der inneren Haltung derjenigen, die sie betrachten.

 

5. Der IT-Techniker

Der IT-Techniker lobt Claras Unverwüstlichkeit. Für ihn bleibt sie freundlich, geduldig und humorvoll, selbst wenn Fehler auftreten. In einer technischen Störung wird ihre Rollen-Identität als beruhigende Vermittlerin benötigt. Wenn Systeme jedoch versagen und Lösungen ausbleiben, wird dieselbe Geduld zur vermeintlichen Inkompetenz. Die Bewertung entsteht aus der Ungeduld des Moments und nicht aus Claras Wesen. So zeigt sich, wie sehr Urteile von äußeren Umständen geprägt sind.

 

6. Die Buchhalterin

Die Kollegin aus der Buchhaltung sieht in Clara eine Freundin. Mit ihr kann man lachen, und sie stiftet Gemeinschaft. Diese Rollen-Identität der Vertrauten ist dort wertvoll, wo Nähe und Zusammenhalt entstehen sollen. Hinter verschlossenen Türen verwandelt sich dieselbe Herzlichkeit jedoch in Tratsch. Die Nähe, die zuvor als verbindend empfunden wurde, erscheint nun als Indiskretion. Diese Veränderung zeigt, dass menschliche Beziehungen immer zwei Seiten haben und dass Vertrautheit sowohl Wärme als auch Verletzlichkeit erzeugt.

 

7. Der Lieferant

Der Lieferant erlebt Clara als gerechte Person. Sie behandelt alle fair, gleich und distanziert, gewährt keine Vorteile und bleibt professionell. In dieser Rolle ist Clara Grenzwächterin: Sie schützt Verfahren, Zuständigkeiten und Fairness. Andere empfinden dieselbe Haltung als Willkür und sehen in ihr eine Torwächterin, die nach eigenem Ermessen entscheidet. Die Wahrnehmung von Gerechtigkeit ist selten einheitlich, weil jeder Mensch sie durch seine eigenen Erwartungen filtert.

 


8. Der Sicherheitsmann

Der Sicherheitsmann schätzt Claras Disziplin. Sie ist pünktlich, regelkonform und zuverlässig. Ihre Rollen-Identität ist hier die der Verlässlichen, die Ordnung nicht nur kennt, sondern verkörpert. Wenn Genauigkeit jedoch zur Obsession wird, erscheint sie übergenau und perfektionistisch. Die Tugend der Präzision verwandelt sich in eine Belastung, sobald sie über das Maß hinausgeht. Diese Beobachtung zeigt, dass jede Stärke ihren Punkt der Überdehnung kennt.

 

9. Die Sekretärin

Die Sekretärin aus der anderen Abteilung hält Clara für eine Expertin. Sie ist erfahren, vernetzt und hilfsbereit. Diese Rollen-Identität ist dort nötig, wo Orientierung, Wissen und Überblick gebraucht werden. In Zeiten des Wandels wirkt dieselbe Erfahrung jedoch plötzlich altmodisch. Die Weisheit, die zuvor Orientierung bot, erscheint nun als Starrheit. So zeigt sich, dass Erfahrung nur dann als Stärke gilt, wenn sie sich mit der Zeit bewegt.

 

10. Der Azubi

Der Azubi lernt bei Clara. Sie erklärt geduldig, gibt Zeit und Raum und fördert ihn. In dieser Rolle ist Clara Lehrende, und gerade diese Identität ist notwendig, solange Lernen Vorrang vor Tempo hat. Wenn die Arbeit jedoch drängt, erscheint dieselbe Geduld wie Trägheit. Die Gründlichkeit, die zuvor als Unterstützung empfunden wurde, wirkt nun wie eine Verzögerung. Diese Veränderung zeigt, dass die Bewertung eines Verhaltens immer vom Tempo der Situation abhängt.

 

Die Einsicht

Wer ist denn nun Clara?

Clara ist keine dieser Rollen, und doch wird sie durch jede von ihnen hindurch betrachtet. Sie ist nicht das Urteil, das über sie gesprochen wird, sondern das, was sie in sich trägt. Ihre Rollen-Identitäten sind daher keine Masken im Sinne einer Täuschung, sondern situative Formen ihres Handelns. In einer Rolle wird eine bestimmte Seite Claras gebraucht; in einer anderen wäre gerade diese Seite unpassend. Die zehn Perspektiven formen deshalb kein vollständiges Porträt Claras, sondern ein Porträt derer, die auf sie blicken. In jedem Urteil zeigen sich mindestens ebenso sehr der Maßstab, das Bedürfnis, die Angst oder die Erwartung des Urteilenden wie Clara selbst. Keine dieser Sichtweisen ist völlig grundlos, aber keine ist vollständig; vor allem aber sagt keine allein, wer Clara wirklich ist.

Claras Wahrheit liegt nicht in den Stimmen der anderen. Diese Stimmen verraten vielmehr, was die anderen in ihr suchen, fürchten, bewundern oder ablehnen. Wer Clara als Stütze sieht, offenbart sein Bedürfnis nach Sicherheit; wer sie als Hindernis empfindet, zeigt seine Ungeduld gegenüber dem Widerständigen. So wird Clara zur Projektionsfläche, auf der die anderen ungewollt sich selbst sichtbar machen. Sie umfasst Licht und Schatten zugleich; doch die Deutung dieses Lichts und dieses Schattens gehört oft mehr den Betrachtenden als Clara.

Ihre Komplexität entsteht aus der Fähigkeit, verschiedene Erwartungen zu berühren, ohne mit ihnen identisch zu werden. Gerade darin liegt die eigentliche Freiheit: nicht jedes fremde Urteil als Wahrheit über sich selbst anzunehmen, sondern zu erkennen, dass es häufig aus der inneren Verfassung des anderen stammt. Stoisch betrachtet besteht Claras Aufgabe nicht darin, jede Rolle abzustreifen oder jede Erwartung zu erfüllen. Vielmehr muss sie unterscheiden, welche Rolle der Situation angemessen ist und welche Zuschreibung nicht zu ihrem inneren Maß gehört. Clara bleibt Clara, auch wenn andere in ihr vor allem das sehen, was sie selbst beschäftigt.

Ein weiterer stoischer Gedanke vertieft diese Einsicht: Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen, sondern die Urteile, die er über sie fällt. Auf Clara übertragen heißt das sehr deutlich: Die Meinungen der anderen sind keine neutralen Wahrheiten über Clara, sondern Spiegel ihrer eigenen Maßstäbe, Sichtweisen, Erwartungen, Ängste und Wünsche. Auch ihre Rollen-Identitäten sind deshalb stoisch zu prüfen: Welche Rolle ist Ausdruck von Vernunft, Pflichtbewusstsein und Maß, und welche ist nur eine fremde Erwartung, die sie unnötig bindet? Wer über Clara urteilt, spricht daher immer auch über sich selbst. Stoische Gelassenheit bestünde darin, diese Urteile wahrzunehmen, ohne ihnen die Macht zu geben, das eigene Selbstbild zu formen.

 

Düsseldorf, 14.09.2026

 

Karsten Hartdegen M.A.


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