Glück und Zufriedenheit
- karstenhartdegen
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Eine philosophische Reise zu Glück und Handeln
Stoizismus und die Kunst der bewussten Lebensgestaltung
In einer Zeit, die von Beschleunigung, Digitalisierung und einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt geprägt ist, sehnen sich viele Menschen nach innerer Ruhe, Klarheit und einem Leben, das nicht nur effizient, sondern auch erfüllend und sinnstiftend ist.
Die stoische Philosophie, eine der bedeutendsten Strömungen der antiken Ethik, erlebt heute eine Renaissance, weil sie nicht nur historische Weisheit bietet, sondern auch praktische Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit liefert: Wie können wir ein gelingendes Leben führen? Wie bleiben wir handlungsfähig, selbst wenn die äußeren Umstände uns herausfordern? Und wie finden wir Glück in einer Welt, die oft von Unsicherheit und Überforderung geprägt ist?
Die Stoa, begründet von Zenon von Kition im 3. Jahrhundert v. Chr., versteht Glück nicht als flüchtigen Moment der Freude, sondern als dauerhaften Zustand der Ataraxia, der Unerschütterlichkeit der Seele. Dieser Zustand wird nicht durch äußere Umstände erreicht, sondern durch die bewusste Ausrichtung des Lebens an Vernunft, Tugend und Selbstbeherrschung. Diese Idee findet sich auch in modernen philosophischen und psychologischen Diskursen wieder, die Glück zunehmend als Ergebnis bewusster Selbstführung begreifen (Ferry, 2021; Nida-Rümelin, 2022; Fleury, 2021). Doch was bedeutet das konkret? Und wie können wir diese Prinzipien in unserem Alltag umsetzen?
Glück als philosophisches Projekt: Die stoische Grundlegung
Die stoische Konzeption von Glück ist radikal anders als die heutigen Vorstellungen, die oft mit materiellem Erfolg, sozialer Anerkennung oder dem Streben nach immer mehr verbunden werden. Für die Stoiker ist Glück kein Ziel, das man durch äußere Umstände erreicht, sondern ein Zustand, der durch innere Haltung und bewusste Entscheidungen herbeigeführt wird. Epiktet, einer der bedeutendsten stoischen Denker, betont in seinen Diatriben, dass wahres Glück nicht in den Dingen liegt, die wir besitzen oder erreichen, sondern in der Fähigkeit, unser eigenes Urteilsvermögen zu disziplinieren und klar zu unterscheiden, was in unserer Macht steht und was nicht (Epiktet, um 135 n. Chr./2020, S. 15). Diese Unterscheidung, die Dichotomie der Kontrolle, ist der Schlüssel zu einem Leben, das nicht von äußeren Umständen abhängig ist, sondern von unserer inneren Einstellung.
Doch was bedeutet das für unser modernes Leben? Es bedeutet, dass wir uns bewusst machen müssen, was uns wirklich glücklich macht, nicht im Sinne von kurzfristiger Befriedigung, sondern von langfristiger Erfüllung. Seneca geht in seinen Briefen an Lucilius noch einen Schritt weiter und argumentiert, dass der weise Mensch sein Glück in der Tugend selbst findet, nicht als Mittel zum Zweck, sondern als Zweck an sich (Seneca, 65 n. Chr./2019, S. 45). Tugend, so Seneca, ist der höchste Wert, denn sie ist das Einzige, das uns wahre Freiheit schenkt, die Freiheit, nicht von äußeren Umständen oder inneren Ängsten beherrscht zu werden.
Im beruflichen Kontext zeigen sich glücksstiftende Faktoren auf besonders vielschichtige Weise, weil Arbeit für viele Menschen weit mehr bedeutet als die Sicherung des Lebensunterhalts oder das Erreichen äußerer Karrierestufen. Materielle Belohnungen, beruflicher Aufstieg und soziale Anerkennung können zwar Zufriedenheit stiften, sie reichen jedoch nicht aus, um jene tiefere Form von Erfüllung hervorzubringen, die aus einem als sinnvoll erfahrenen Handeln erwächst. Entscheidend sind daher vor allem immaterielle Werte, die unserem Tun Richtung, Tiefe und innere Orientierung geben. Dazu zählt zunächst die Erfahrung von Sinn in einer Tätigkeit, die nicht allein dem Broterwerb dient, sondern als Beitrag zu etwas Größerem verstanden werden kann: zur Bildung anderer Menschen, zur Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen, zur Lösung gesellschaftlicher Probleme oder zur Gestaltung einer menschlicheren und verantwortungsvolleren Arbeitswelt.
Byung-Chul Han (2021) kritisiert in seiner Analyse der modernen Leistungsgesellschaft, dass Sinn in gegenwärtigen Arbeitszusammenhängen häufig auf Effizienz, Leistung und Produktivität verkürzt wird. Dadurch droht jene Dimension verloren zu gehen, in der Arbeit als Ausdruck von Haltung, Verantwortung und Weltbezug erfahrbar wird. Erfüllung entsteht jedoch gerade dort, wo wir spüren, dass unser berufliches Handeln einen Unterschied macht, indem es Wissen vermittelt, Menschen stärkt, Orientierung bietet oder Räume eröffnet, in denen Entwicklung und Begegnung möglich werden. In diesem Zusammenhang gewinnen Anerkennung und Wertschätzung besondere Bedeutung. Sie sind dann mehr als flüchtiges Lob, soziale Bestätigung oder kurzfristige Rückmeldung, wenn sie von Kolleginnen und Kollegen, Kundinnen und Kunden oder Vorgesetzten als sichtbarer Ausdruck einer tieferen Übereinstimmung zwischen unserem beruflichen Handeln und den Werten erfahren werden, an denen wir uns orientieren.
Aus stoischer Perspektive liegt ihr eigentlicher Wert daher nicht darin, dass sie unserem Selbstbild schmeicheln oder uns von äußerer Zustimmung abhängig machen, sondern darin, dass sie uns spiegeln können, ob und in welchem Maße wir unser Tun von Integrität, Mitgefühl, Verantwortung und innerer Haltung leiten lassen. Ebenso gehört die intellektuelle Auseinandersetzung mit komplexen Themen zu den glücksstiftenden Dimensionen beruflichen Lebens, weil sie nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch die Fähigkeit zu kritischer Reflexion, begründeter Urteilsbildung und geistiger Selbstständigkeit stärkt. Wer sich ernsthaft mit anspruchsvollen Fragestellungen beschäftigt, tritt in eine lebendige Beziehung zu Ideen, Problemen und Perspektiven ein, die den eigenen Horizont erweitern und das Denken beweglicher machen.
Hartmut Rosa (2020) betont in seiner Soziologie der Resonanz, dass ein gelingendes Leben vor allem durch tragfähige Beziehungen zu Menschen, Ideen und zur Welt selbst geprägt ist. Intellektuelle Herausforderungen lassen sich in diesem Sinne als Resonanzbeziehungen verstehen, weil sie uns nicht unberührt lassen, sondern uns herausfordern, verändern und wachsen lassen. Schließlich ist auch soziale Verbundenheit ein wesentlicher Faktor beruflichen Glücks, gerade in einer Zeit, in der Digitalisierung, Beschleunigung und Individualisierung zwischenmenschliche Beziehungen leicht auf funktionale Kommunikation reduzieren. Besonders in Berufen wie Bildung, Pflege, Beratung oder Führung, die ein hohes Maß an sozialer Aufmerksamkeit, Empathie und Verantwortung verlangen, entscheidet die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen maßgeblich darüber, ob Arbeit als belastend, leer und entfremdend oder als sinnstiftend, tragfähig und erfüllend erlebt wird.
Rosa (2020) spricht in diesem Zusammenhang von Resonanzachsen, die unser Leben bereichern und ihm Tiefe verleihen, weil sie erfahrbar machen, dass wir nicht isoliert handeln, sondern in Beziehung zu anderen Menschen, zu gemeinsamen Aufgaben und zu einer Welt stehen, die auf unser Tun antwortet.

Routinen als Übungsfeld der Tugend: Der stoische Alltag
Während die zuvor genannten glücksstiftenden Dinge eine innere Vorstellung davon entwerfen, wie ein erfülltes, bewusstes und sinnhaftes Leben aussehen kann, zeigen sich die täglichen Routinen als jener konkrete Raum, in dem diese Vorstellung Gestalt annimmt. Sie sind gewissermaßen die Brücke zwischen philosophischer Einsicht und gelebter Praxis:
Erst im wiederholten Handeln, in den kleinen Entscheidungen des Alltags und in der Art, wie wir gewöhnliche Aufgaben ausführen, wird sichtbar, ob unsere Werte tatsächlich unser Leben prägen oder nur abstrakte Ideale bleiben. Die Stoa versteht Routinen deshalb nicht als bloße Abläufe, die mechanisch abgearbeitet werden, sondern als fortlaufende Übungen der Tugend. Jede wiederkehrende Handlung kann zu einer Gelegenheit werden, die eigene Haltung zu prüfen, Geduld einzuüben, Achtsamkeit zu vertiefen und das eigene Denken wie auch das eigene Handeln bewusster auszurichten. Marc Aurel betont in seinen Selbstbetrachtungen, dass der Mensch sein Glück nicht in der Flucht vor dem gegenwärtigen Augenblick findet, sondern in dessen wacher Annahme und bewusster Gestaltung (Marc Aurel, 167 n. Chr./2018, S. 89).
Aus dieser Perspektive erscheinen Routinen nicht als lästige Wiederholungen oder als bloße Pflichten, sondern als stille Einladungen, den Geist zu schulen, innere Klarheit zu gewinnen und die eigenen Werte Schritt für Schritt in konkrete Handlung zu übersetzen.
In der modernen Arbeitswelt sind Routinen oft mit Stress und Zeitdruck verbunden. Doch die stoische Perspektive lehrt uns, sie als Chance zur Selbstvervollkommnung zu begreifen. Einige Beispiele für Routinen, die uns helfen können, unsere Werte zu leben, sind: Die bewusste Vorbereitung von Lehrveranstaltungen, Workshops oder Meetings. Hier geht es nicht nur darum, Inhalte zu vermitteln, sondern auch Raum für Reflexion und Dialog zu schaffen.
Julian Nida-Rümelin (2022) betont in seiner Philosophie einer digitalen Welt, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss, nicht die Technologie oder die Effizienz. Eine gute Vorbereitung ermöglicht es uns, präsent und achtsam zu sein und so eine resonante Beziehung zu unseren Teilnehmenden oder Kolleginnen und Kollegen aufzubauen. Die Reflexion über die eigene Praxis, etwa durch das Führen eines Tagebuchs, das Schreiben von Artikeln oder den Austausch mit Mentorinnen und Mentoren. Diese Praxis hilft uns, unsere Arbeit kritisch und konstruktiv zu hinterfragen und uns kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Pierre Hadot (2021) beschreibt in seiner Analyse der antiken Philosophie, dass solche geistigen Übungen essenziell sind, um ein philosophisches Leben zu führen, ein Leben, das von bewusster Reflexion und Selbstführung geprägt ist. Die Achtsamkeitspraxis, die nicht als esoterische Übung, sondern als stoische Prosochē, als Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Denken und Handeln, verstanden wird. Achtsamkeit bedeutet in diesem Kontext, präsent zu sein und uns unserer Gedanken, Emotionen und Handlungen bewusst zu werden. Dies ermöglicht es uns, gelassener und fokussierter zu handeln, eine Fähigkeit, die in einer Welt voller Ablenkungen immer wichtiger wird. Die Weiterbildung, die nicht nur dem Erwerb von Wissen dient, sondern auch der Erweiterung des eigenen Horizonts. Luc Ferry (2021) sieht in der Bildung eine Form der spirituellen Übung, die uns mit dem verbinden kann, was wir als wirklich wertvoll erachten. Weiterbildung ist somit nicht nur ein Mittel zum beruflichen Aufstieg, sondern auch ein Weg zur persönlichen Freiheit.
Die Stoa lehrt uns, dass der Mensch durch Disziplin und Fokus die Kontrolle über sein Inneres behält, selbst wenn äußere Umstände chaotisch erscheinen (Irvine, 2009, S. 34). Routinen sind dabei nicht nur praktische Notwendigkeiten, sondern philosophische Übungen, die uns helfen, unsere Haltung zu stärken und unser Leben bewusster zu gestalten.
Der Abgleich von Glück und Handeln: Stoische Reflexion als Weg zur Klarheit
Der entscheidende Schritt in der stoischen Praxis besteht darin, die Liste der glücksstiftenden Dinge mit den täglichen Routinen abzugleichen. Dieser Prozess ist keine einmalige Übung, sondern eine kontinuierliche Reflexion, die uns hilft, unser Leben immer wieder neu auszurichten. Peter Sloterdijk (2020) spricht in diesem Zusammenhang von der Übung des Lebens, einem Prozess, in dem der Mensch durch bewusste Praxis seine eigene Existenz gestaltet und veredelt. Barbara Stiegler (2019) betont in „Il faut s’adapter“, dass die Fähigkeit, das eigene Handeln zu reflektieren und anzupassen, eine der wichtigsten Kompetenzen in einer sich ständig wandelnden Welt ist.
Doch wie können wir diesen Abgleich konkret vornehmen? Einige zentrale Fragen können uns dabei leiten: Welche meiner Handlungen tragen tatsächlich zu meinem Glück bei? Oft stellen wir fest, dass viele unserer Routinen zwar als notwendig empfunden werden, aber wenig mit unseren wahren Werten zu tun haben. Die stoische Praxis ermutigt uns dazu, nicht notwendige Ablenkungen zu identifizieren und zu reduzieren. Byung-Chul Han (2021) kritisiert in seiner Analyse der Gesellschaft der Müdigkeit, dass der moderne Mensch durch Reizüberflutung und Selbstausbeutung überfordert wird. Die stoische Lösung besteht darin, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren und alles abzustreifen, was uns von unserem Weg abbringt.
Wo verbringe ich Zeit mit Dingen, die mir nicht guttun? Seneca warnt in seinen Briefen davor, sich in der Hektik des Alltags zu verlieren, ohne innezuhalten und die eigenen Fortschritte zu überprüfen (Seneca, 65 n. Chr./2019, S. 56). Viele unserer Gewohnheiten, sei es das ständige Checken von E-Mails, die Teilnahme an unproduktiven Meetings oder das Verharren in toxischen Beziehungsmustern, rauben uns Energie, ohne uns näher an unsere Ziele zu bringen. Die Stoa lehrt uns, solche Zeitdiebe zu erkennen und zu eliminieren.
Wie kann ich meine Routinen so gestalten, dass sie meine Glücksquellen besser widerspiegeln? Die Stoa bietet hier konkrete Strategien an. Eine der mächtigsten ist das Reframing, die Fähigkeit, Herausforderungen nicht als Bedrohungen, sondern als Chancen zur Übung der Tugend zu sehen. Michel Onfray (2021) betont in „La sagesse tragique“, dass die stoische Philosophie uns lehrt, das Leben nicht als eine Abfolge von Problemen, sondern als eine Abfolge von Möglichkeiten zu begreifen. Die Negativvisualisierung (Praemeditatio malorum), bei der wir uns bewusst vorstellen, was schiefgehen könnte, dient nicht dazu, Ängste zu schüren, sondern Dankbarkeit für das Vorhandene zu entwickeln und uns auf Herausforderungen vorzubereiten (Irvine, 2009, S. 56). Diese Praxis hilft uns, das Gute in unserem Leben bewusster wahrzunehmen und zu schätzen.
Eine weitere Strategie ist die Tugend der Mäßigung (Sophrosyne), die uns dazu ermutigt, Extreme zu vermeiden, sei es in der Arbeit, im Konsum oder in emotionalen Reaktionen (Seneca, 65 n. Chr./2019, S. 112). Mäßigung bedeutet in diesem Kontext, ein ausgewogenes Leben zu führen, in dem wir uns weder von äußeren Erwartungen noch von inneren Impulsen beherrschen lassen.
Die Anpassung des Handelns: Stoizismus als lebendige Praxis
Die stoische Philosophie ist keine theoretische Übung, sondern eine praktische Lebenshilfe, die uns befähigt, unser Handeln bewusst an unseren Werten auszurichten. Einige zentrale Prinzipien können dabei als Leitfaden dienen:
Die Dichotomie der Kontrolle
Epiktet lehrt, dass der Mensch nur über seine eigenen Gedanken und Handlungen Kontrolle hat, nicht jedoch über äußere Umstände oder die Handlungen anderer (Epiktet, um 135 n. Chr./2020, S. 23). Diese Erkenntnis ist befreiend, denn sie entlastet uns von der Illusion, alles kontrollieren zu müssen. Statt uns von Dingen stressen zu lassen, die außerhalb unserer Macht liegen, wie die Erwartungen anderer, unvorhergesehene Ereignisse oder gesellschaftliche Entwicklungen, können wir uns auf das konzentrieren, was wir tatsächlich beeinflussen können: unsere eigene Haltung, unsere Reaktionen und unsere Entscheidungen.
In einer Arbeitswelt, die von Unsicherheit und Komplexität geprägt ist, bietet diese Haltung eine stabile Basis. Sie ermöglicht es uns, gelassener mit Herausforderungen umzugehen und uns auf das zu konzentrieren, was wirklich zählt.
Die Akzeptanz des Unvermeidlichen und das Reframing von Herausforderungen
Marc Aurel betont in seinen Selbstbetrachtungen, dass der weise Mensch das Unvermeidliche nicht nur akzeptiert, sondern es sogar als Chance zur Übung der Tugend begreift (Marc Aurel, 167 n. Chr./2018, S. 67). Diese Haltung, die Amor fati (die Liebe zum Schicksal), ist eine der mächtigsten Lehren der Stoa. Sie lehrt uns, dass wir nicht nur das Gute, sondern auch das Schwere, das Unangenehme und sogar das Leid als Teil unseres Weges annehmen können. Diese Akzeptanz ist kein passives Erdulden, sondern ein aktives Gestalten unseres Lebens, ein Gestalten, das auch die Schattenseiten als Gelegenheiten zum Wachstum begreift. Reframing bedeutet hier, Herausforderungen nicht als Hindernisse, sondern als Möglichkeiten zur Weiterentwicklung zu sehen, als eine Praxis, die auch in der modernen Psychologie als zentral für Resilienz und Wohlbefinden gilt (Fleury, 2021).
Die Praxis der Dankbarkeit
Die Stoa ermutigt uns dazu, regelmäßig Dankbarkeit für das Vorhandene zu üben. Moderne psychologische Studien bestätigen, dass Dankbarkeit das subjektive Wohlbefinden signifikant steigern kann (Emmons und McCullough, 2003).
Luc Ferry (2021) sieht darin sogar eine Form der spirituellen Übung, die uns mit dem verbinden kann, was wir als wirklich wertvoll erachten. Dankbarkeit ist somit nicht nur ein Gefühl, sondern eine Haltung, die unser Leben bereichert und uns hilft, das Gute in den kleinen Dingen zu sehen. Cynthia Fleury (2021) betont in „Le Care“, dass Dankbarkeit auch eine Form der Fürsorge für uns selbst und andere ist als eine Praxis, die uns darin bestärkt, das Leben als Geschenk zu begreifen und bewusster zu gestalten.
Die Kultivierung der Tugend
Für die Stoiker ist Tugend der höchste Wert, weil sie nicht von äußeren Erfolgen, wechselnden Umständen oder der Zustimmung anderer abhängt, sondern aus der inneren Haltung des Menschen hervorgeht. Dabei meint Tugend keine starre moralische Perfektion und auch keinen unerreichbaren Zustand vollständiger Fehlerlosigkeit. Vielmehr bezeichnet sie ein fortwährendes Bemühen, in allen Lebensbereichen möglichst klar, verantwortungsvoll und menschlich zu handeln. Tugend zeigt sich dort, wo ein Mensch versucht, seine Fähigkeiten nicht nur für den eigenen Vorteil einzusetzen, sondern sie in den Dienst eines guten, sinnvollen und gemeinschaftlich verantworteten Handelns zu stellen. In diesem Sinne wird sie zu einer praktischen Orientierung, die uns hilft, Entscheidungen nicht allein nach Nutzen, Bequemlichkeit oder äußerem Erfolg zu treffen, sondern danach, ob sie mit Vernunft, Integrität und Mitgefühl vereinbar sind. Julian Nida-Rümelin (2022) betont in seiner Philosophie der Digitalisierung, dass der Mensch seine Arbeit nicht nur als Beruf, sondern auch als Berufung begreifen sollte. Damit ist eine Tätigkeit gemeint, die nicht ausschließlich dem eigenen Lebensunterhalt oder dem beruflichen Fortkommen dient, sondern zugleich einen Beitrag zur Gestaltung einer humanen, verantwortungsvollen und zukunftsfähigen Welt leisten kann. Tugend in diesem erweiterten Sinne bedeutet daher, auch unter schwierigen Bedingungen an einer Haltung festzuhalten, die von Verlässlichkeit, Verantwortungsbewusstsein, innerer Klarheit und Mitgefühl geprägt ist. Sie fordert uns dazu auf, nicht bloß auf äußere Anforderungen zu reagieren, sondern unser Handeln bewusst an jenen Werten auszurichten, die unserem Leben Sinn, Würde und Richtung geben.
Fazit: Glück als bewusste und philosophische Praxis
Die stoische Philosophie bietet einen zeitlosen Rahmen, um Glück nicht als zufälliges Ereignis, sondern als Ergebnis bewusster Entscheidungen und Handlungen zu begreifen. Indem wir unsere Glücksquellen identifizieren, unsere Routinen reflektieren und unser Handeln entsprechend anpassen, können wir nicht nur ein erfüllteres Leben führen, sondern auch die Qualität unserer Arbeit steigern.
Die Stoa lehrt uns, dass wahres Glück nicht in der Abwesenheit von Herausforderungen liegt, sondern in der Fähigkeit, diese mit Weisheit und Gelassenheit zu meistern, eine Erkenntnis, die auch in der modernen europäischen Philosophie und Psychologie wiederzufinden ist.
Die bewusste Gestaltung unseres Lebens ist somit nicht nur eine Frage der Effizienz, sondern vor allem eine Frage der Weisheit und der philosophischen Haltung. Wie Seneca es so treffend ausdrückt: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen“ (Seneca, 65 n. Chr./2019, S. 33).
Lassen wir uns also von dieser Weisheit leiten und nutzen wir die Zeit, die uns gegeben ist, mit Bedacht, Mut und Gelassenheit.
Literaturverzeichnis
Comte-Sponville, A. (2020). L’esprit de l’athéisme: Introduction à une spiritualité sans Dieu. Albin Michel.
Emmons, R. A., & McCullough, M. E. (2003). Counting blessings versus burdens: An experimental investigation of gratitude and subjective well-being in daily life. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 377–389. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.2.377
Epiktet. (2020). Diatriben: Handbuch der Moral (J. B. Stock, Übers.). Reclam. (Originalwerk um 135 n. Chr.)
Ferry, L. (2021). La sagesse stoïcienne. Plon.
Fleury, C. (2021). Le Care. Gallimard.
Han, B.-C. (2021). Die Gesellschaft der Singularitäten. Matthes & Seitz Berlin.
Hadot, P. (2021). Philosophie als Lebensform: Geistige Übungen in der Antike (Übers. von C. Velten). Fischer. (Originalwerk 2014)
Irvine, W. B. (2009). A guide to the good life: The ancient art of Stoic joy. Oxford University Press.
Marc Aurel. (2018). Selbstbetrachtungen (G. H. Rendall, Übers.). Anaconda Verlag. (Originalwerk 167 n. Chr.)
Nida-Rümelin, J. (2022). Philosophie einer digitalen Welt. Piper.
Onfray, M. (2021). La sagesse tragique. Albin Michel.
Rosa, H. (2020). Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp.
Seneca, L. A. (2019). Briefe an Lucilius: Über die Kunst, zu leben (R. M. Gummere, Übers.). dtv. (Originalwerk 65 n. Chr.)
Sloterdijk, P. (2020). Die nehmende Hand und die gebende Seite: Über Geld, Geschenke und die Unwahrscheinlichkeit der Welt. Suhrkamp.
Stiegler, B. (2019). Il faut s’adapter: Sur un nouvel impératif politique. Gallimard.



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