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Leiden, das uns formt

  • karstenhartdegen
  • 3. Jan.
  • 5 Min. Lesezeit

Warum Leiden zur Schule der inneren Klarheit wird


1. Einleitung: Das leise Beben der Existenz

Leiden tritt selten mit Ankündigung in unser Leben. Es kommt wie ein Schatten, der sich über vertraute Landschaften legt, bis die Konturen des Gewohnten verschwimmen. In diesem Moment beginnt etwas in uns zu beben, ein feines, kaum hörbares Zittern, das uns zwingt, innezuhalten. Dieses Beben ist nicht nur Ausdruck von Schmerz, sondern ein Ruf nach Tiefe, nach Wahrheit, nach Sinn.

Viktor Frankl beschreibt dieses Rufen als existenzielle Herausforderung, die den Menschen dazu bringt, sich selbst neu zu verorten. Die Resilienzforschung zeigt, dass Krisen häufig Wendepunkte innerer Entwicklung sind (Frankl, 2009; Müller Pál, 2024). Internationale Studien belegen, dass Sinnsuche in Zeiten globaler Unsicherheit zunimmt und psychische Stabilität fördern kann (OECD, 2024; WHO, 2023; Pew Research Center, 2023). Gesellschaftliche Analysen zeigen, dass besonders junge Menschen angesichts multipler Krisen verstärkt nach Orientierung suchen (SINUS Institut, 2024).

Leiden hilft dabei, das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden zu lernen. Es klärt, was trägt und was nur Kulisse war.

 

2. Die Wunde als Spiegel des Selbst

Leid ist eine Wunde, aber auch ein Spiegel. In ihr zeigt sich, wer wir sind, wenn äußere Sicherheiten wegbrechen. Sie enthüllt unsere Verletzlichkeit, nicht als Schwäche, sondern als Wahrheit. Psychologisch betrachtet ist die Wunde ein Ort erhöhter Selbstwahrnehmung. Die Emotionspsychologie spricht hier von affektiver Klärung, einem Prozess, der innere Orientierung ermöglicht (Universität Hamburg und Universität Heidelberg, 2024; DAK, 2024; Gallup, 2024).

Philosophisch deutet Wandruszka das Pathische, das Erleiden, als Grundstruktur menschlicher Existenz. Soziologische Perspektiven zeigen, dass Einsamkeit und Verletzlichkeit existenzielle Räume sind, in denen sich Identität neu zusammensetzt (Wandruszka, 2024; Evangelische Akademien Deutschland, 2024; Eurofound, 2023).

 

3. Die Frage nach dem Sinn: Zwischen Abgrund und Möglichkeit

Die Frage nach dem Sinn des Leidens ist eine der ältesten Fragen der Menschheit. Doch Sinn ist kein Objekt, das man findet, sondern eine Bewegung, die sich im Durchleben entfaltet. Frankl betont, dass Sinn nicht im Warum des Leidens liegt, sondern im Wie des Weitergehens.

Psychologisch entspricht dies der kognitiven Neubewertung. Erfahrungen werden neu geordnet und in die eigene Lebensgeschichte integriert (Frankl, 2009; Müller Pál, 2024). Bordat zeigt, dass Sinnsuche immer eine Form der Freiheit ist, die Freiheit, dem Leiden eine Antwort zu geben, die größer ist als das Leid selbst. Gesellschaftliche Studien belegen, dass Menschen heute angesichts von Klimakrise, politischer Instabilität und sozialer Fragmentierung verstärkt nach Orientierung suchen (SINUS Institut, 2024). Metaanalysen und psychologische Verbände bestätigen, dass Sinn ein zentraler Faktor psychischer Gesundheit ist (Park und George, 2023; APA, 2024).

Leiden kann uns zwingen und lehren, das unveränderliche Leben so anzunehmen, wie es ist. Nicht als Kapitulation, sondern als eine Form innerer Zustimmung.


4. Vertrauen als zarte Gegenbewegung

Vertrauen ist eine leise Kraft, ein zartes Trotzdem. Psychologisch betrachtet ist Vertrauen ein Bindungsphänomen, das dort entsteht, wo Menschen sich gesehen, gehalten und verstanden fühlen. Die Resilienzforschung zeigt, dass Vertrauen ein entscheidender Faktor psychischer Stabilität ist (AXA, 2024; OECD, 2023).

Frankl beschreibt Vertrauen als eine Form innerer Freiheit, die uns nicht vom Leid befreit, aber von der Vorstellung, dass Leid das letzte Wort hat. Gesellschaftliche Studien zeigen, dass Beziehungen, Freundschaft und soziale Verbundenheit als zentrale Lebenswerte gelten (Statista und Allensbach, 2024). Spirituelle Bewegungen betonen, dass Vertrauen oft in Gemeinschaft entsteht (Schönstattjugend Deutschland, 2024). Gesundheitsberichte zeigen, dass Vertrauen ein Schutzfaktor gegen Angst und Zukunftsunsicherheit ist (Barmer, 2024).

 

5. Ein offener Schluss: Leben im Trotzdem

Leiden bleibt ein Rätsel. Doch es ist ein Rätsel, das uns verwandeln kann. Es zwingt uns, die Tiefe unseres Lebens zu betreten und lädt uns ein, dort etwas zu finden, das größer ist als Schmerz: eine Spur von Sinn, eine Ahnung von Richtung, ein zartes Trotzdem.

Psychologisch entspricht dieses Trotzdem dem Gefühl innerer Kohärenz, dem Erleben, dass das eigene Leben trotz Brüchen einen Zusammenhang hat (Müller Pál, 2024). Sinnsuche im Leiden bedeutet nicht, das Leid zu verklären, sondern ihm eine Antwort zu geben, die stärkt (Bordat, 2023). Gesellschaftliche Studien zeigen, dass Menschen trotz Krisen nach Sinn und innerer Stimmigkeit suchen (SINUS Institut, 2024). Internationale Daten belegen, dass Menschen, die Sinn erleben, resilienter und psychisch stabiler sind (Gallup, 2024; WHO, 2023).

 

6. Fazit: Die stille Kunst des Weitergehens

Leiden ist kein Irrtum des Lebens, sondern Teil seiner Struktur. Es zwingt uns, uns selbst zu begegnen, unsere Werte zu prüfen und unseren inneren Kompass neu auszurichten. Philosophische, psychologische und gesellschaftliche Perspektiven zeigen übereinstimmend, dass Sinn nicht im Rückzug entsteht, sondern im Weitergehen (Wandruszka, 2024; Frankl, 2009; AXA, 2024; OECD, 2024).

Vertrauen ist dabei die leise Kraft, die uns trägt. Ein inneres Trotzdem, das uns erlaubt, im Dunkel einen Weg zu finden.

Leiden wird so zu einer Schule der Menschlichkeit. Es lehrt uns, tiefer zu fühlen, bewusster zu leben und mutiger zu hoffen.

Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe des Leidens: uns zu öffnen für uns selbst, für andere und für das Leben, das größer ist als das, was uns verletzt.

 

 

Geschärfte Erkenntnisse

  1. Leiden klärt. 

    Es trennt das Wesentliche vom Unwesentlichen und zeigt, was wirklich trägt.

  2. Leiden verwandelt. 

    Es bricht alte Muster auf und öffnet Räume für neue Formen des Daseins.

  3. Leiden vertieft. 

    Es führt an die Grenzen des Verstehbaren und macht Sinn zu einer inneren Bewegung.

  4. Leiden verbindet. 

    Es zeigt, dass Resonanz, Beziehung und Vertrauen Grundbedingungen menschlicher Existenz sind.

  5. Leiden lehrt Annahme. 

    Es macht sichtbar, dass das Leben nicht vollständig kontrollierbar ist und dass Freiheit dort beginnt, wo wir das Unveränderliche annehmen.

  6. Leiden eröffnet Handlungsspielräume. 

    Es zwingt uns in Entscheidungen, die uns zu uns selbst zurückführen.

  7. Leiden ist ein Übergang. 

    Kein Endpunkt, sondern ein Schwellenraum, in dem Neues entstehen kann.

 

Literaturverzeichnis

 

 

Düsseldorf, 03.01.2026

 

Karsten Hartdegen M.A.

 
 
 

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