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Kurzfehlzeiten im Schuldienst: Wenn Abwesenheit zur stillen Botschaft wird

  • karstenhartdegen
  • vor 16 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Über Verantwortung, innere Kündigung und die Grenzen gut gemeinter Fürsorge



Einleitung: Das leise Knirschen im System

In fast jeder Grundschule gibt es diese eine Kollegin oder diesen einen Kollegen, der selten lange, aber immer wieder kurz fehlt. Ein Tag hier, zwei Tage dort. Die Begründungen sind vertraut und zugleich unbestimmt. Eine Migräne. Eine leichte Erkältung. Ein privater Termin, der sich nicht verschieben ließ. Nichts davon ist dramatisch, nichts davon ist eindeutig falsch. Und doch entsteht im Kollegium ein feines, kaum hörbares Knirschen.

Während die anderen Kolleginnen und Kollegen die Aufsicht übernehmen, den Unterricht auffangen, die Förderkinder betreuen und nebenbei noch die Elterngespräche organisieren, entsteht ein Schweigen, das niemand bewusst gewählt hat. Ein Schweigen, das aus Unsicherheit geboren wird. Darf man das ansprechen. Ist das schon Misstrauen. Oder ist es schlicht die Aufgabe einer Führungskraft, die Verantwortung trägt.

Kurzfehlzeiten sind kein persönlicher Makel. Sie sind ein Symptom. Ein Hinweis auf Überforderung, Entfremdung, fehlende Bindung oder Strukturen, die manche tragen und andere ausnutzen. Und sie sind ein Thema, das Schulleitungen nicht länger in die stille Ecke schieben dürfen, wenn sie die Integrität ihres Kollegiums bewahren wollen.

 

1. Was Kurzfehlzeiten wirklich bedeuten

Kurzfehlzeiten wirken harmlos, weil sie klein sind. Doch gerade diese Kleinheit macht sie gefährlich. Sie summieren sich. Sie erzeugen Unruhe. Sie verschieben Lasten. Und sie hinterlassen Spuren im Team.

In der Grundschule bedeutet ein einziger ungeplanter Fehltag oft, dass die Klassenlehrerin der ersten Klasse plötzlich zwei Klassen gleichzeitig beaufsichtigt. Dass die Kollegin aus der offenen Ganztagsschule (OGS) spontan in den Unterricht geholt wird und ihre Gruppe später betreut werden muss. Dass die Förderstunde für ein Kind mit sonderpädagogischem Bedarf ausfällt, weil niemand mehr Kapazitäten hat. Und dass Eltern an der Tür stehen und fragen, warum schon wieder jemand anderes in der Klasse sitzt.

Für eine Schulleitung ist jeder dieser Momente ein stiller Hinweis. Ein Hinweis darauf, dass die Frage nicht lautet: Warum fehlt diese Person. Sondern: Was sagt diese Abwesenheit über das System, das sie umgibt.

 

2. Die Psychologie dahinter: Was Kurzfehlzeiten ausdrücken

Wer häufig kurz fehlt, sendet eine Botschaft. Manchmal bewusst, oft unbewusst.

Da ist die Kollegin, die nach jeder besonders lauten Woche in der ersten Klasse einen Tag zu Hause bleibt, weil sie sich innerlich nicht mehr stabilisieren kann. Da ist der Kollege, der seit Monaten unzufrieden ist, aber nichts sagt und stattdessen immer wieder einen Tag frei nimmt, um Abstand zu gewinnen. Da ist die junge Lehrerin, die Konflikte mit Eltern meidet und am Tag nach einem schwierigen Gespräch plötzlich krank ist. Und da ist der Mitarbeiter, der die Spielräume des Systems kennt und nutzt, weil er weiß, dass niemand ihn ernsthaft zur Verantwortung zieht.

Kurzfehlzeiten sind selten Faulheit. Sie sind oft ein Hilferuf, ein Schutzmechanismus, ein stiller Protest oder das Echo einer Führung, die nicht klar genug ist.

Und genau hier beginnt die eigentliche Führungsaufgabe. Nicht im Kontrollieren, sondern im Verstehen. Nicht im Sanktionieren, sondern im Erkennen, was die Abwesenheit über die innere Lage der Person verrät. Und darüber hinaus: was sie über die innere Lage des gesamten Systems erzählt.

 

3. Warum Kurzfehlzeiten in Grundschulen besonders verletzen

In der Grundschule sind Kurzfehlzeiten kein organisatorisches Ärgernis, sondern ein Risiko.

Kinder brauchen Verlässlichkeit. Besonders die Kinder, die morgens schon mit einem angespannten Bauch in die Schule kommen, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Wenn die vertraute Klassenlehrerin fehlt, kippt der Tag für manche Kinder sofort. Ein Kind mit Autismus, das sich an feste Abläufe klammert, reagiert mit Rückzug oder Überforderung. Ein Kind mit emotionalem Förderbedarf wird unruhig, weil die Bezugsperson fehlt. Und die Kollegin, die einspringt, muss gleichzeitig beruhigen, unterrichten und improvisieren.

Teams und Kollegien arbeiten ohnehin am Limit. Fällt jemand kurzfristig aus, entsteht sofort Druck. Wer übernimmt die Aufsicht. Wer geht in die Klasse. Wer verzichtet auf seine Pause. Wer verschiebt die Vorbereitung für die morgige Konferenz.

Und Eltern, die immer wieder hören, dass ihre Kinder von anderen betreut werden, verlieren das Vertrauen in die Stabilität der Schule.

Für die Schulleitung bedeutet das: Jede Kurzfehlzeit ist nicht nur ein organisatorisches Problem, sondern ein Moment, in dem die Qualität der gesamten Einrichtung auf dem Spiel steht.

 

4. Was Führung jetzt braucht: Klarheit, Mut und eine ruhige Hand

Kurzfehlzeiten verschwinden nicht durch moralische Appelle. Sie verschwinden durch Führung, die hinschaut, versteht und gestaltet.

Eine Schulleitung, die Verantwortung übernimmt, beginnt mit dem Erkennen von Mustern. In welcher Klasse häufen sich die Ausfälle. Gibt es bestimmte Wochentage. Gibt es wiederkehrende Auslöser.

Eine Schulleitung, die diese Muster erkennt, kann Gespräche führen, die nicht anklagen, sondern verstehen wollen. Ein Satz wie: Mir fällt auf, dass Sie in den letzten Wochen häufiger kurz gefehlt haben. Wie erleben Sie das selbst. öffnet Räume, ohne zu verletzen.

Klarheit ist der zweite Schritt. Eine transparente Fehlzeitenkultur, die für alle gilt. Keine Ausnahmen, die das Kollegium spalten. Und eine sichtbare Anerkennung für Verlässlichkeit, die nicht als Belohnung, sondern als Wertschätzung verstanden wird.

Der dritte Schritt ist das Bearbeiten der Ursachen. Überlastung braucht strukturelle Antworten. Unzufriedenheit braucht Beteiligung. Konflikte brauchen Klärung. Und Ängste brauchen Räume, in denen sie ausgesprochen werden dürfen.

Der vierte Schritt ist Kultur. Vertrauen entsteht durch Fairness. Verantwortung entsteht durch Mitgestaltung. Präsenz entsteht durch Vorbilder. Eine Schulleitung, die selbst verlässlich, ansprechbar und präsent ist, schafft eine Atmosphäre, in der Abwesenheit nicht zum stillen Protest wird.

 

5. Der schwierige Moment: Wenn Konsequenzen unvermeidlich werden

Es gibt Situationen, in denen Gespräche, Unterstützung und Klarheit nicht ausreichen. Dann braucht es Konsequenzen, nicht aus Härte, sondern aus Verantwortung gegenüber dem Team und den Kindern.

Wenn Fehlzeiten trotz aller Bemühungen weitergehen, wenn keine Einsicht erkennbar ist, wenn das Kollegium spürbar leidet, dann ist der Moment gekommen, an dem Führung nicht mehr moderieren, sondern entscheiden muss. Eine letzte Abmahnung. Eine betriebsärztliche Abklärung. Oder, wenn alles andere scheitert, die Trennung.

Konsequenzen sind kein Akt der Strenge. Sie sind ein Akt der Fürsorge für alle anderen.

Und genau hier taucht die Frage auf, die jede Schulleitung sich stellen muss: Wenn eine Kollegin jeden Monat zwei Tage kurz krank ist, was sagt das über sie. Was sagt es über das Team. Und was sagt es über die Führung, die es geschehen lässt.

 

6. Die gefährlichste Selbsttäuschung: Das geht schon irgendwie

Viele Schulleitungen warten zu lange. Aus Harmoniebedürfnis. Aus Unsicherheit. Aus Angst, ungerecht zu wirken. Doch Nichthandeln ist nie neutral. Es ist eine Entscheidung, und oft die falsche.

Kollegien beobachten genau, was toleriert wird. Unzuverlässigkeit wird zur Norm, wenn sie folgenlos bleibt. Und Qualität sinkt, lange bevor jemand es offen ausspricht.

 

Fazit: Kurzfehlzeiten sind kein Schicksal, sondern eine Führungsaufgabe

Häufige Kurzfehlzeiten sind ein Signal, dass etwas im System nicht stimmt. In der Kultur, in der Belastung, in der Führung.


Die guten Nachrichten:

·         Führung kann das verändern.

·         Klarheit schafft Orientierung.

·         Fairness schafft Vertrauen.

·      Mut schafft Zukunft.

 

Am Ende geht es nicht um Anwesenheit. Es geht um Verantwortung. Gegenüber Kindern, Kolleginnen und Kollegen und der eigenen Rolle.


 

Düsseldorf, 03.05.2026


 

Karsten Hartdegen M.A.

 
 
 

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