Narzisstisches Verhalten
- karstenhartdegen
- vor 2 Stunden
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Wie gehe ich mit narzisstisch sich verhaltenden Menschen im Berufsleben um
Ein Artikel über Selbstschutz, Klarheit und die Freiheit, nicht in fremde Spiegel zu fallen
Einleitung
Es gibt im Berufsleben Begegnungen, die sich nicht laut ankündigen, sondern sich wie ein kaum hörbares Knacken im inneren Gefüge bemerkbar machen. Ein feiner Riss, der sich erst später zeigt, aber sofort spürbar ist. Es sind Begegnungen mit Menschen, deren Verhalten narzisstisch wirkt, nicht als Krankheit, sondern als Persönlichkeitsmerkmal, das in vielen Abstufungen existiert und in beruflichen Kontexten häufiger vorkommt, als man glauben möchte. Menschen, die Räume betreten, als gehörten sie ihnen, und sie wieder verlassen, als hätten sie nichts hinterlassen außer einer merkwürdigen Leere. Menschen, die Anerkennung einfordern, aber keine Resonanz schenken, die Nähe imitieren, aber Bindung vermeiden, die Kritik verteilen, aber selbst auf ein leises Wort nicht reagieren können. Menschen, die Wärme suchen und doch Kälte erzeugen.
Diese Begegnungen sind irritierend, weil sie nicht eindeutig sind. Sie sind nicht offen feindlich, aber auch nicht wirklich zugewandt. Sie sind nicht klar destruktiv, aber auch nicht konstruktiv. Sie sind wie ein Nebel, der sich über Gespräche legt, über Entscheidungen, über Zusammenarbeit. Und genau deshalb lohnt es sich, dieses Verhalten genauer zu betrachten, um zu verstehen, wie man ihm begegnen kann, ohne sich selbst zu verlieren.
Die innere Leere narzisstisch geprägter Menschen
In meiner Sicht liegt im Kern narzisstischen Verhaltens eine Leere, die nicht sichtbar ist, aber spürbar. Eine Leere, die nicht aus Mangel an Fähigkeiten entsteht, sondern aus einem Mangel an innerem Halt. Sie zeigt sich als fehlende Wärme, als fehlendes Getragensein, als ein Gefühl von Unerfülltheit, das nie zur Ruhe kommt.
Ein Mensch, der sich selbst nicht spürt, sucht sich im Spiegel der anderen. Ein Mensch, dem das Gefühl von innerer Wärme fehlt, sucht nach Bewunderung. Ein Mensch, der sich nicht getragen fühlt, sucht nach Erfolg, nach Anerkennung, nach Bestätigung, nach etwas, das die innere Leere für einen Moment füllt.
Diese Leere ist kein stiller Raum. Sie ist ein unruhiger. Sie ist ein Ort, an dem Selbstzweifel wie Schatten lauern, die man nicht sehen darf. Ein Ort, an dem Anerkennung nicht Freude auslöst, sondern nur eine kurze Erleichterung, die sofort wieder verschwindet. Ein Ort, an dem Nähe bedrohlich wirkt, weil sie zu viel zeigt. Ein Ort, an dem Kritik nicht als Möglichkeit zur Entwicklung verstanden wird, sondern als Angriff auf die eigene Existenz.
Ich sehe diese Leere nicht nur im Arbeitsalltag, sondern auch in öffentlichen Figuren, deren Verhalten weltweit sichtbar ist. Wer in Davos beobachtet hat, wie der Präsident der Vereinigten Staaten um die eigenen Erfolge kreiste, konnte darin ein Muster erkennen, das sich in vielen narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen zeigt. Es ist ein Kreisen um das eigene Spiegelbild, ein Bedürfnis nach Bewunderung, das nicht wie Stärke wirkt, sondern wie ein ständiges Suchen nach etwas, das im Inneren fehlt. Für mich ist das kein politisches Urteil, sondern eine psychologische Beobachtung: Ein Mensch, der sich selbst nicht spürt, sucht sich im Applaus der Welt.
Die kulturelle Dimension
Ich sehe im Narzissmus nicht nur ein individuelles Phänomen, sondern eine Grundfigur des Selbst- und Weltverhältnisses, die unsere Zeit prägt. Der digitalisierte Kapitalismus mit seinen Anerkennungsmechanismen befördert narzisstische Verhaltensweisen. Digitale Displays mit idealisierten Selbstdarstellungen, Likes und Followern funktionieren wie die Spiegel von einst. Sie zeigen Bilder, aber keine Körper. Sie zeigen Glanz, aber keine Wärme. Sie zeigen Nähe, aber keine Beziehung.
Diese Kultur erzeugt Menschen, die sich selbst nur im Blick der anderen spüren. Menschen, die sich verlieren, wenn sie nicht gesehen werden. Menschen, die sich aufblasen müssen, um nicht zu zerfallen. Menschen, die sich in einer Welt bewegen, die ihnen ständig sagt, dass sie mehr sein müssen, als sie sind.
Doch ich sehe darin keine Kulturklage. Ich sehe darin eine Aufgabe. Eine aufgeklärte Gesellschaft könnte lernen, sich von Allmachtsfantasien zu verabschieden und echte Formen der Empathie einzuüben. Sie könnte lernen, Wärme nicht mit Bewunderung zu verwechseln. Sie könnte lernen, Menschen nicht nach ihrer Sichtbarkeit zu bewerten, sondern nach ihrer Fähigkeit, Beziehung zu gestalten.
Die charismatische und manipulative Seite
Narzisstisch geprägte Menschen können charismatisch sein. Sie können glänzen, strahlen, verführen. Sie können Räume mit Energie füllen, die anziehend wirkt. Sie können Geschichten erzählen, die faszinieren. Sie können Begeisterung erzeugen, die ansteckend ist. Sie können Menschen das Gefühl geben, gesehen zu werden, auch wenn sie in Wahrheit nur gesehen werden wollen.
Doch dieses Charisma ist kein warmes Licht. Es ist ein Scheinwerfer, der blendet. Es ist ein Leuchten, das nicht wärmt, sondern nur strahlt. Es ist ein Charisma, das nicht verbindet, sondern bindet. Es wirkt wie ein stilles Betteln um Bewunderung, ein Betteln, das nicht als Bitte erscheint, sondern als Anspruch. Ein Betteln, das nicht leise ist, sondern lautlos. Ein Betteln, das nicht demütig ist, sondern fordernd. Ein Betteln, das nicht nach Liebe fragt, sondern nach Bestätigung.
Diese Form der Manipulation ist gefährlich, weil sie nicht aggressiv wirkt. Sie wirkt charmant. Sie wirkt souverän. Sie wirkt kompetent. Und gerade deshalb ist sie so wirksam.
Szenen aus dem Arbeitsalltag
Ich sehe die Szene, in der ein Vorgesetzter ein Teammeeting eröffnet, indem er lange über seine eigenen Leistungen spricht. Er erzählt von Erfolgen, die er angeblich allein erreicht hat, und von Herausforderungen, die er angeblich allein bewältigt hat. Er lächelt, er strahlt, er wirkt souverän. Doch während er spricht, spürt man, dass er nicht teilt, sondern sammelt. Er sammelt Bewunderung wie andere Menschen Luft holen.
Ich sehe die Szene, in der eine Kollegin eine Idee vorstellt. Der narzisstisch geprägte Kollege hört zu, nickt, lächelt und sagt am Ende, dass er genau diese Idee schon lange hatte, aber leider niemand auf ihn gehört habe. Die Kollegin ist irritiert, aber sagt nichts. Der Raum wird still. Die Anerkennung, die ihr zustand, ist verschwunden, als hätte jemand das Licht ausgeschaltet.
Ich sehe die Szene, in der ein Mitarbeitender vorsichtig Kritik äußert. Der Vorgesetzte reagiert nicht mit Interesse, sondern mit einer subtilen Abwertung. Er sagt, dass er diese Kritik nicht nachvollziehen könne, weil er selbst noch nie ein Problem damit gehabt habe. Die Botschaft ist klar: Wer Kritik äußert, ist das Problem.
Ich sehe die Szene, in der jemand Nähe simuliert, indem er persönliche Fragen stellt, aber nie wirklich zuhört. Er fragt nicht, um zu verstehen, sondern um zu sammeln. Er sammelt Informationen wie Munition, die er später einsetzen kann.
Was man tun kann, für sich, für das Team, für die Menschen, für den Betrieb
Im Umgang mit narzisstisch geprägten Menschen braucht es eine Haltung, die nicht kämpft, sondern klar bleibt. Eine Haltung, die nicht reagiert, sondern entscheidet. Eine Haltung, die nicht in den Spiegel fällt, sondern den eigenen Boden spürt.
Für sich selbst bedeutet das, die eigene Energie zu schützen. Es bedeutet, sich nicht in Erklärungen zu verlieren, die niemand hören will. Es bedeutet, nicht zu hoffen, verstanden zu werden, wenn Verständnis nicht das Ziel des anderen ist. Es bedeutet, die eigene Würde nicht in die Hände eines Menschen zu legen, der sie nicht halten kann. Es bedeutet, sich Pausen zu erlauben, wenn man merkt, dass die Begegnung erschöpft. Es bedeutet, sich Unterstützung zu holen, wenn man merkt, dass man allein nicht weiterkommt. Es bedeutet, Grenzen zu setzen, auch wenn der andere sie nicht versteht.
Für das Team bedeutet es, Klarheit zu schaffen. Es bedeutet, Absprachen transparent zu machen, damit niemand im Nebel steht. Es bedeutet, Verantwortung sichtbar zu verteilen, damit niemand sie heimlich verschiebt. Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich gegenseitig stärken, statt sich zu verunsichern. Es bedeutet, eine Kultur zu fördern, in der Anerkennung nicht erkämpft werden muss, sondern geteilt wird.
Für Kundinnen und Kunden, für Patientinnen und Patienten, für Schülerinnen und Schüler bedeutet es, die eigene Präsenz zu bewahren. Es bedeutet, nicht zuzulassen, dass die innere Unruhe eines narzisstisch geprägten Menschen die Qualität der Beziehung zu denen beeinträchtigt, die auf uns angewiesen sind. Es bedeutet, die eigene Wärme nicht zu verlieren, auch wenn man der Kälte des anderen begegnet. Es bedeutet, die eigene Klarheit zu bewahren, damit die Menschen, die uns anvertraut sind, nicht in die Unsicherheit hineingezogen werden.
Für den Betrieb bedeutet es, Strukturen zu schaffen, die stärker sind als Stimmungen. Es bedeutet, Rollen klar zu definieren, Prozesse transparent zu gestalten, Kommunikation zu moderieren, Führung präsent zu halten. Es bedeutet, eine Kultur zu fördern, in der Menschen nicht um Sichtbarkeit kämpfen müssen, sondern in der sie sich sicher fühlen können. Es bedeutet, Räume zu schaffen, in denen nicht das lauteste Ego gewinnt, sondern die beste Idee.
Schluss
Am Ende ist der Umgang mit narzisstischem Verhalten im Berufsleben keine Technik, sondern eine Haltung.
Eine Haltung der inneren Ruhe, der Klarheit, der Selbstfürsorge und der Freiheit, nicht in fremde Spiegel zu fallen.
Es ist die Fähigkeit, die eigene Wärme nicht zu verlieren, während man der inneren Kälte des anderen begegnet, und die eigene Selbstachtung nicht zu opfern, während man die Selbstinszenierung des anderen erträgt.
Es ist die Kunst, bei sich zu bleiben, während man in einer Welt steht, die ständig versucht, einen in ihre Spiegel hineinzuziehen.
Düsseldorf, 24.04.2026
Karsten Hartdegen M.A.



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