Führen durch Loslassen
- karstenhartdegen
- vor 2 Tagen
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Sich verzeihen als stoische Kunst der Führung
Es gibt jene stillen, schwer zu benennenden Momente im Leben einer Führungskraft, in denen die Last der Verantwortung nicht nur auf den Schultern ruht, sondern sich wie ein dichter, kaum zu durchdringender Nebel über die innere Landschaft legt, sodass selbst vertraute Wege plötzlich fremd erscheinen. Nicht die Zahlen, nicht die Projekte, nicht die Entscheidungen, die sich wie Wellen durch den Tag bewegen, sind es, die am tiefsten wirken. Es sind vielmehr die feinen, kaum sichtbaren Kränkungen, die sich wie Risse durch die Seele ziehen und dort eine Schwere hinterlassen, die sich nicht einfach abschütteln lässt.
Der Abteilungsleiter, dem im Jour fixe ein Kollege mit einem beiläufigen, aber schneidenden Kommentar die Arbeit der letzten Wochen entwertet. Die Schulleiterin, die erfährt, dass ein vertrauter Mitarbeiter hinter ihrem Rücken Zweifel an ihrer Kompetenz streut und damit ein leises Gift in das Kollegium trägt. Die Stationsleitung, die sich nach einer schwierigen Dienstplanung vorwerfen lassen muss, sie würde bevorzugen und benachteiligen, obwohl sie seit Monaten versucht, ein überlastetes Team zusammenzuhalten.
Solche Erfahrungen setzen sich fest, nicht wie Staub, der sich mit einem Handgriff entfernen lässt, sondern wie eine Schicht aus Beton, die sich über das eigene Denken legt. Und genau hier, in dieser inneren Erstarrung, beginnt die eigentliche Prüfung der Führung. Denn Führen bedeutet nicht nur, andere zu leiten. Es bedeutet vor allem, sich selbst aus den Verhärtungen zu lösen, die das eigene Urteil trüben.

Die Kränkung als stummer Saboteur
Kränkungen sind keine flüchtigen Ereignisse, die einfach geschehen und dann im Strom der Zeit verschwinden. Sie sind Prozesse, die sich in jene empfindlichen Stellen einschreiben, an denen das Selbstbild noch nicht vollständig gefestigt ist. Sie rühren an alte Unsicherheiten, lassen die eigene Autorität fragil erscheinen und erzeugen eine innere Unruhe, die sich nur schwer beruhigen lässt.
Der junge Teamleiter, der nach einer Präsentation spürt, wie ein spöttischer Kommentar eines erfahrenen Kollegen ihn innerlich zusammenzucken lässt und ihn noch Tage später begleitet. Die Pflegedienstleitung, die nach einer Beschwerde einer Angehörigen mit dem Gefühl ringt, versagt zu haben, obwohl sie weiß, dass sie unter extremen Bedingungen ihr Bestes gegeben hat. Die Schulleiterin, die nach einer hitzigen Elternversammlung nachts wach liegt, weil ein Vater ihr mangelnde Fürsorge vorwarf, obwohl sie seit Jahren mit Hingabe arbeitet.
Eine Führungskraft, die in sich ruht, gerät nicht bei jeder Kritik ins Wanken. Nicht, weil sie unverwundbar wäre, sondern weil sie gelernt hat, sich nicht zum Mittelpunkt jeder Verletzung zu machen. Doch wer die Kränkung festhält, hält nicht nur die Erinnerung fest, sondern bindet sich selbst an eine Erzählung, die das eigene Handeln zunehmend verengt. Die Wunde wird zur Identität. Der Groll zur inneren Stimme. Und irgendwann beginnt der Körper zu sprechen, mit Schlaflosigkeit, mit einer Anspannung, die sich wie ein ständiger Druck im Brustkorb anfühlt, mit jenem kalten Glanz in den Augen, der Verbitterung verrät.
Eine Führungskraft, die nicht loslässt, führt nicht nur ihr Team. Sie führt vor allem ihre eigenen Schatten spazieren.
Sich verzeihen als strategische Ressource
Sich verzeihen ist kein Akt der Schwäche, kein moralischer Luxus, kein Zeichen von Naivität. Es ist eine strategische Ressource, die eine Führungskraft nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus innerer Klarheit heraus nutzt. Es bedeutet nicht, Unrecht zu verharmlosen oder Fehler zu übersehen. Es bedeutet, die eigene innere Ordnung wiederherzustellen, um frei, klar und ungetrübt handeln zu können.
Marc Aurel schrieb: Du hast Macht über deinen Geist, nicht über äußere Ereignisse. Erkenne das, und du wirst stark.
Eine Führungskraft, die sich etwas zugesteht, erkennt diese Macht und beginnt, sie bewusst zu nutzen.
Der Produktionsleiter, der nach einem Vertrauensbruch im Team nicht in Misstrauen verharrt, sondern die Strukturen stärkt, die Zusammenarbeit fördert und damit zeigt, dass Zukunft wichtiger ist als Vergeltung. Die Schulleiterin, die nach einer unfairen Kritik eines Kollegen nicht in Rückzug geht, sondern das Gespräch sucht und damit eine Kultur der Offenheit etabliert. Die Stationsleitung, die nach einem Konflikt im Team nicht nach Schuldigen sucht, sondern nach Wegen, die Zukunft zu entlasten und die Atmosphäre zu heilen.
Sich etwas zu erlauben ist kein Geschenk an den anderen. Es ist ein Befreiungsschlag für die eigene Handlungsfähigkeit. Wer sich nicht verzeiht, bleibt gefangen in Grübeleien, in der Angst vor Wiederholung, im Bedürfnis, Recht zu behalten. Wer sich etwas erlaubt, gewinnt die Freiheit, nach vorne zu gehen.

Die härteste Entscheidung: sich selbst etwas zugestehen
Die größte Herausforderung liegt nicht darin, anderen etwas zuzugestehen, sondern sich selbst zu verzeihen. Die eigenen Fehler, die Fehleinschätzungen, die Momente, in denen man nicht die Führungskraft war, die man hätte sein können, sind oft schwerer zu ertragen als jede äußere Kritik.
Der Manager, der eine falsche Personalentscheidung traf und sich monatelang dafür verurteilt, obwohl er damals nach bestem Wissen handelte. Die Lehrerin in Leitungsfunktion, die eine Klasse zu spät unterstützte und sich dafür schämt, obwohl sie selbst am Rand ihrer Kräfte war. Die Pflegeleitung, die in einer Überlastungssituation eine Entscheidung traf, die sie später als unzureichend empfindet, obwohl sie in diesem Moment keine bessere Möglichkeit hatte.
Der Stoiker weiß: Fehler sind keine Niederlagen. Sie sind Datenpunkte, Rohmaterial für Weisheit, wenn man den Mut hat, sie anzusehen und loszulassen. Seneca schrieb: Der Weise fällt nicht weniger als der Tor, aber er steht schneller wieder auf.
Eine Führungskraft, die sich selbst verzeiht, steht nicht nur schneller auf. Sie steht aufrechter. Sie löst die Verhärtungen, die sich über Jahre gebildet haben, und schafft Raum für Reife, für Wachstum, für eine Autorität, die nicht aus Perfektion entsteht, sondern aus Klarheit und Menschlichkeit.
Sich etwas zugestehen als Akt der Souveränität
Sich etwas zu erlauben, bedeutet nicht, die Vergangenheit zu löschen. Es bedeutet, ihr die Macht über die Zukunft zu nehmen. Es bedeutet, sich zu erinnern, ohne dass die Erinnerung die Gegenwart lenkt.
Der Bereichsleiter, der nach einem Konflikt nicht in stummer Distanz verharrt, sondern bewusst wieder Nähe zulässt, weil er weiß, dass Führung ohne Beziehung nicht möglich ist. Die Schulleiterin, die nach einer schmerzhaften Auseinandersetzung mit dem Kollegium nicht in Kontrolle flüchtet, sondern Vertrauen erneuert, weil sie weiß, dass Vertrauen die eigentliche Währung von Führung ist. Die Stationsleitung, die nach einem Fehler im Team nicht in Strenge verfällt, sondern eine Kultur des Lernens stärkt, weil sie weiß, dass Entwicklung nur dort geschieht, wo Menschen nicht in Angst erstarren.
Epiktet erinnerte daran: Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Urteile über sie.
Die Kunst der Führung liegt nicht darin, unfehlbar zu sein. Sie liegt darin, Urteile zu formen, die nicht lähmen, sondern befähigen.

Der letzte Akt der Stärke
Sich verzeihen ist der radikalste Akt der Stärke. Es ist der Moment, in dem eine Führungskraft erkennt: Ich bin nicht meine Fehler. Ich bin nicht meine Kränkungen. Ich bin die Person, die entscheidet, was sie mit ihnen tut.
Loslassen. Weitergehen. Die eigene Würde zurückholen.
Das ist kein Geschenk an andere. Es ist ein Geschenk an das Team, an die gemeinsame Vision und vor allem an sich selbst. Sich etwas zugestehen heißt: die eigene Souveränität zurückerobern.
Düsseldorf, 10.06.2026
Karsten Hartdegen M.A.



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