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Reibung als Weg zur beruflichen Selbstbegegnung

  • karstenhartdegen
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Die Begegnung mit anderen Menschen im Beruf ist selten ein harmonisches Miteinander, und das ist gut so. Denn erst die Spannungen, die durch Kolleginnen und Kollegen, Führungskräfte, Kundschaft oder Wettbewerberinnen und Wettbewerber entstehen, machen das berufliche Selbstbild zu etwas Lebendigem, Dynamischem.


Ohne diese Reibungspunkte bliebe unser Bild von uns selbst unvollständig, fast naiv: eine Skizze ohne Tiefe, eine Illusion von Kompetenz, die keine blinden Flecken kennt. Die Reibung zwingt uns, uns selbst zu hinterfragen, unsere Grenzen auszuloten und uns weiterzuentwickeln. Nicht aus freiem Willen, sondern aus der Notwendigkeit heraus, die der Alltag an uns stellt.


Die anderen Menschen werden so zur Reflexionsfläche, die nicht nur unsere Stärken und Schwächen offenbart, sondern uns auch mit unseren eigenen Widersprüchen konfrontiert. Ein kritisches Feedback von Führungskräften, die Ablehnung durch Kundschaft oder der Widerstand von Teammitgliedern sind keine Störfaktoren, sondern unverzichtbare Impulse. Sie zeigen uns, wo wir wirklich stehen. Nicht nur fachlich, sondern auch in unserer Arbeitsweise, unserer Kommunikation und unserer Fähigkeit, mit Druck und Kritik umzugehen. Ohne diese Momente der Dissonanz bliebe unsere berufliche Entwicklung eine theoretische Übung: ein Wachstum ohne echte Substanz, eine Veränderung ohne echte Herausforderung.



Doch die Reibung geht noch tiefer: Sie ist der Katalysator für echtes Wachstum. Eine schwierige Kundin oder ein schwieriger Kunde, die oder der unsere Geduld auf die Probe stellt, eine Kollegin oder ein Kollege, die oder der unsere Argumente infrage stellt, oder ein Projekt, das durch Teamkonflikte zu scheitern droht. All diese Situationen fordern uns heraus, unsere Denkweisen zu überdenken, unsere Fähigkeiten zu verfeinern und unsere emotionalen Reaktionen zu reflektieren. Gerade hier, im Umgang mit Widerstand, offenbart sich, wie sehr wir uns selbst noch nicht kennen.



Besonders aufschlussreich wird die Reibung, wenn sie uns mit unbewussten Mustern konfrontiert. Vielleicht ärgert uns eine Kollegin oder ein Kollege, die oder der ständig zu spät kommt, und plötzlich wird uns klar, dass uns genau diese Unpünktlichkeit auch an uns selbst stört, nur haben wir es bisher verdrängt. Oder wir bewundern eine Kollegin oder einen Kollegen für ihre oder seine Entschlossenheit und erkennen dabei, dass wir selbst genau diese Eigenschaft vermissen. Doch nicht immer sind die Auslöser so offensichtlich.



Triggern meint in diesem Kontext das Auslösen starker emotionaler Reaktionen, die oft unbewusst mit vergangenen Erfahrungen oder ungelösten Konflikten verbunden sind. Besonders im Umgang mit Menschen, die narzisstische Verhaltensmuster zeigen, können solche Trigger aktiviert werden: abwertende Kommentare, mangelnde Empathie oder das Gefühl, instrumentalisiert zu werden. Diese Situationen rufen nicht selten Wut, Hilflosigkeit oder ein tiefes Bedürfnis nach Abgrenzung hervor. Das sind dann Emotionen, die auf frühere Erlebnisse mit ähnlichen Dynamiken zurückgehen.


Aversionen gegenüber narzisstischem Verhalten sind dabei oft eine Schutzreaktion des Selbst. Sie entstehen, wenn wir wiederholt erleben, dass unsere Bedürfnisse ignoriert oder unsere Grenzen überschritten werden. Die Abneigung ist dann weniger eine persönliche Antipathie als vielmehr ein Warnsignal: Sie mahnt uns, uns nicht erneut in eine Dynamik zu begeben, die unser Wohlbefinden gefährdet. Gleichzeitig birgt diese Aversion die Gefahr, pauschal zu werden und damit den Blick für die individuellen Hintergründe zu verlieren: für die Unsicherheit, die Verletzlichkeit oder den Druck, der hinter solchem Verhalten stehen kann.



Letztlich ist es die Reibung, die uns berufliche Freiheit ermöglicht. Erst wenn uns Führungskräfte darauf hinweisen, dass wir zu sehr auf äußere Bestätigung angewiesen sind, oder Kundschaft uns vor Augen führt, wie defensiv wir auf Kritik reagieren, wird uns bewusst, wo wir abhängig sind. Nur durch diese schmerzhaften, aber notwendigen Erkenntnisse können wir uns von äußeren Urteilen lösen und eine echte, selbstbestimmte berufliche Identität entwickeln.


Das berufliche Selbst ist kein statisches Konstrukt, sondern ein dynamischer Prozess, der durch die Reibung mit anderen Menschen erst Form annimmt. Ohne diese Spannungen gäbe es kein klares Bild unserer Fähigkeiten, keine echte Chance zur Verbesserung und keine Möglichkeit, unsere wahre berufliche Identität zu finden.


Die Begegnung mit anderen Menschen ist daher kein Hindernis, sondern der unverzichtbare Widerstand, der uns dazu bringt, uns selbst im Beruf wirklich zu begegnen.

 

Düsseldorf, 04.06.2026

 

Karsten Hartdegen M.A.

 
 
 

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